Logo

28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V.
04.-06.03.2026
Oldenburg

Meeting Abstract

Extrakochleäre elektrische Stimulation – ein Ansatz zur nichtinvasiven Hörrehabilitation und Diagnostik

Robert Hart - Hannover Medical School, Auditory Prosthetic Group, Hannover, Deutschland
Patrick Hinz - Hannover Medical School, Auditory Prosthetic Group, Hannover, Deutschland
Benjamin Krüger - Hannover Medical School, Auditory Prosthetic Group, Hannover, Deutschland
Constantino Dragicevic - Universitat Autonoma de Barcelona, Institute of Neuroscience, Barcelona, Spanien
Mechtihild Meierott - Universitat Autonoma de Barcelona, Institute of Neuroscience, Barcelona, Spanien
Waldo Nogueira Vazquez - Hannover Medical School, Auditory Prosthetic Group, Hannover, Deutschland; Universitat Autonoma de Barcelona, Institute of Neuroscience, Barcelona, Spanien

Text

Hintergrund: Bei hochgradigem Hörverlust sind Hörgeräte häufig unzureichend wirksam, sodass die Cochlea-Implantation (CI) die Standardtherapie darstellt. Der chirurgische Eingriff kann jedoch das Restgehör beeinträchtigen, dessen Erhalt nachweislich das Sprachverstehen verbessert und zukünftige rehabilitative Ansätze ermöglicht. Wir untersuchen einen neuartigen, potenziell nichtinvasiven Ansatz der extrakochleären elektrischen Stimulation (EES), bei dem elektrische Reize über Elektroden außerhalb der Cochlea angelegt werden. Ziel ist es, eine elektroakustische Stimulation (EAS) ohne intrakochleäre Elektrodeninsertion zu ermöglichen. Zudem könnten akustisch-elektrische Interaktionen diagnostische Informationen zum niederfrequenten Restgehör liefern, für das bislang nur eingeschränkte Testverfahren existieren.

Methoden: Die Wirksamkeit der EES wurde mithilfe einer aktiven Gehörgangselektrode in Kombination mit verschiedenen Referenzelektrodenpositionen untersucht. Ziel war die Identifikation geeigneter Stimulationskonfigurationen zur Auslösung auditiver Wahrnehmungen im Frequenzbereich von 125 Hz bis 4 kHz. Untersucht wurden drei Gruppen (je n = 5): normalhörende Personen, Personen mit ausgeprägtem hochfrequentem Hörverlust sowie CI-Trägerinnen und -Träger. Die elektrischen Stimuli bestanden aus 500 ms langen Sinussignalen. Die wahrgenommene Lautheit und Nebenwirkungen wurden jeweils auf einer numerischen Skala von 0–10 bewertet und die Nebenwirkungen wurden zusätzlich qualitativ klassifiziert. Für jede Bedingung wurden Wahrnehmungsschwelle und maximal komfortabler Pegel bestimmt.

Ergebnisse: In allen Gruppen konnten durch EES auditive Wahrnehmungen ausgelöst werden. Wahrnehmungsschwellen, Lautheitswachstum und Nebenwirkungen variierten abhängig von Stimulationsfrequenz und Referenzelektrodenposition. Kontralaterale Konfigurationen führten zu den effektivsten Wahrnehmungen. Normalhörende beschrieben überwiegend reine Tonempfindungen, während hörgeschädigte und ertaubte Teilnehmende häufiger komplexe Höreindrücke angaben. Nebenwirkungen traten frequenz- und konfigurationsabhängig auf und äußerten sich vor allem als stechende oder kribbelnde Empfindungen im Elektrodenbereich.

Schlussfolgerung: Die extrakochleäre elektrische Stimulation stellt einen vielversprechenden, potenziell nichtinvasiven Ansatz mit Anwendungen in Rehabilitation und Diagnostik dar. Obwohl auditive Wahrnehmungen zuverlässig induziert werden konnten, begrenzen Nebenwirkungen derzeit die klinische Nutzbarkeit. Zukünftige Arbeiten sollten sich auf deren Reduktion konzentrieren. Langfristig könnte EES sowohl als alternatives Versorgungskonzept zwischen Hörgerät und CI als auch als sensibles Instrument zur Beurteilung des niederfrequenten Restgehörs dienen.