Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Robotisch assistierte Knieendoprothetik zwischen Marketingversprechen und Versorgungsrealität – Vergleich zweier Systeme in einem High-Volume-Zentrum
Text
Zielsetzung und Fragestellung: Robotisch assistierte Systeme in der Knieendoprothetik werden mit einer raschen Implementierbarkeit (Integration nach ca. 10 Fällen), unveränderten OP-Zeiten sowie der problemlosen Durchführung von bis zu vier Eingriffen pro Saal und Tag beworben. Ziel dieser Analyse war es, diese industriekommuniziertenVersprechen mit der realen Implementierung zweier etablierter Systeme – VELYS™* und ROSA® Knee System zu vergleichen.
Material und Methoden: Prospektive Erfassung perioperativer und prozessualer Parameter bei insgesamt n = 100 konsekutiven primären Knie-TEPs in einem High-Volume-Zentrum (n = 50 VELYS, n= 50 ROSA). Erfasst wurden: Schnitt-Naht-Zeit, Wechselzeit (Naht-Schnitt), Gesamt-Saalbelegungszeit, Anzahl benötigter Zusatzressourcen, Dauer der Lernkurve, Umfang der firmenbegleitenden Implementierungsunterstützung. Verglichen wurden die Daten mit etablierten konventionellen Referenzwerten des Zentrums.
Ergebnisse: Die tatsächliche Implementierung beider Systeme war deutlich komplexer als in der Herstellerkommunikation dargestellt. Die postulierte vollständige Systemintegration nach 10 Fällen konnte nicht bestätigt werden. Die operative und organisatorische Stabilisierung erforderte in beiden Gruppen eine signifikant längere Adaptationsphase. Insbesondere perioperative Abläufe zeigten eine prolongierte Lernkurve über die initialen 20–30 Fälle hinaus. Auch nach Durchlaufen der initialen Lernphase blieb die Schnitt-Naht-Zeit im Vergleich zur konventionellen Technik im Mittel um ca. 10 Minuten verlängert. Besonders ausgeprägt war die Verlängerung der Naht-Schnitt-Intervalle. Ursächlich waren: zusätzliche System-Checks, Gerätepositionierung, Registrierungsschritte, Koordinationsaufwand mit OP-Personal, technische Vorbereitungsmaßnahmen. Die angestrebte Durchführung von vier Eingriffen pro Saal und Tag war unter Routinebedingungen nicht regelhaft realisierbar. Deutliche Differenzen zeigten sich in der firmenbegleitenden Betreuung: Beim ROSA® Knee System erfolgte über mehrere Monate eine kontinuierliche Vor-Ort-Begleitung mit aktiver Prozessoptimierung. Beim VELYS™-System war die intensive Betreuung zeitlich deutlich begrenzter, sodass Optimierungsprozesse überwiegend eigenständig erfolgen mussten. Dies hatte unmittelbaren Einfluss auf die Geschwindigkeit der Prozessstabilisierung.
Diskussion und Schlussfolgerung: Robotisch assistierte Knieendoprothetik ist technisch sicher implementierbar, jedoch keineswegs „plug-and-play". Die beworbenen Effizienzgewinne sind in der frühen und mittleren Implementierungsphase nicht reproduzierbar. Vielmehr entstehen: verlängerte OP- und Wechselzeiten, erhöhter organisatorischer Koordinationsbedarf, personelle Mehrbelastung, temporäre Einschränkungen der Saalökonomie. Der entscheidende limitierende Faktor ist weniger die chirurgische Technik als vielmehr die Integration in bestehende OP-Prozesse. Die Einführung robotischer Systeme erfordert eine realistische Erwartungshaltung, strukturierte Prozessanalyse und institutionelle Unterstützung. Industrieangaben zur Lernkurve und Saaleffizienz sollten kritisch hinterfragt werden.



