Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Inzidenz und Risikofaktoren für arterielle Blutungen bei Fragilitätsfrakturen des Beckens
Text
Zielsetzung und Fragestellung: Obwohl Fragilitätsfrakturen des Beckens durch ein Trauma mit geringer Energie verursacht werden, treten in einer klinisch relevanten Untergruppe potenziell lebensbedrohliche Beckenarterienblutungen auf, die eine Angioembolisation (PAHRE – pelvic arterial haemorrhage requiring angioembolisation) erfordern. Ziel dieser Studie war es, die Inzidenz von PAHRE zu bestimmen und Risikofaktoren zu identifizieren, um eine frühzeitige Risikostratifizierung zu ermöglichen.
Material und Methoden: Im Rahmen einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie über einen 20-jährigen Zeitraum wurden alle Patienten im Alter von ≥ 65 Jahren mit Fragilitätsfraktur des Beckens nach einem Trauma mit geringer Energie analysiert. Jedem Patienten mit PAHRE wurden zwei nach Behandlungsjahr gematchte Kontrollpatienten randomisiert zugeteilt. Die Evaluation potenzieller Risikofaktoren umfasste 17 klinische und 42 CT-morphologische Aufnahmeparameter, welche mittels univariater und multivariater Analysen statistisch ausgewertet wurden.
Ergebnisse: Die Inzidenz von PAHRE lag 2,9% (39/1.357 Patienten). In univariablen Analysen standen der Grad des Beckenhämatoms und der Antikoagulationsstatus in Zusammenhang mit PAHRE, während der Hämoglobinwert bei Aufnahme, hämodynamische Parameter, Thrombozytenaggregationshemmung, Beckenarterienverkalkung und fast alle Variablen zur Verletzungsmorphologie keinen Zusammenhang aufwiesen. In der multivariablen Analyse war der Grad des Beckenhämatoms der einzige unabhängige Prädiktor für PAHRE (adjustierte OR 5,365, 95% KI 2,560 bis 11,244; p < 0,001). Der Antikoagulationsstatus zeigte einen nicht signifikanten Trend zur Assoziation (adjustierte OR 4,364, 95% KI 0,921 bis 20,688; p = 0,063), während die Subtypen der Rommens-Klassifikation nicht signifikant assoziiert waren (p = 0,202; global Wald-Test). Die Modellunterscheidung war ausgezeichnet (AUC von 0,975, 95% KI 0,951 bis 0,998). Die ROC-Analyse ergab einen optimalen Schwellenwert für den Grad des Beckenhämatoms von ≥ 4, der PAHRE mit einer Sensitivität von 94,9% (95% KI 82,7 bis 99,4) und einer Spezifität von 85,9% (95% KI 76,2 bis 92,7) vorhersagte.
Diskussion und Schlussfolgerung: Während die Frakturmorphologie kaum prädiktiv war, erwies sich der Grad des Beckenhämatoms als entscheidender unabhängiger Prädiktor für eine PAHRE bei älteren Patienten mit Fragilitätsfrakturen des Beckens. Ein Schwellenwert für den Grad des Beckenhämatoms von ≥ 4 bietet ein leicht anwendbares bildgebungsbasiertes Kriterium, um Risikopatienten zu identifizieren, eine sofortige kontrastmittelverstärkte CT durchzuführen und eine frühzeitige Blutungskontrolle zu ermöglichen.



