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75. Tagung der Vereinigung Norddeutscher Augenärzte


05.-06.06.2026
Hamburg

Meeting Abstract

Klinische, funktionelle und morphologische Charakteristika der OPA1-assoziierten autosomal-dominanten Optikusatrophie

Denise Yang-Seeger - Hamburg
C. Grohmann - Hamburg
Y. Atiskova - Hamburg
P. Krätschmer - Institut für Humangenetik, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
M.S. Spitzer - Hamburg
J. Birtel - Hamburg

Text

Ziel: Die OPA1-assoziierte autosomal-dominante Optikusatrophie (ADOA) ist eine hereditäre Optikusneuropathie, die typischerweise mit einer langsam progredienten, bilateralen Visusverschlechterung einhergeht und eine hohe intra- und interindividuelle Variabilität aufweist. Bislang liegen nur wenige Daten zum natürlichen Krankheitsverlauf vor, welche jedoch im Hinblick auf aktuelle therapeutische Entwicklungen von Bedeutung sein könnten. Ziel dieser Studie war es, klinische, funktionelle und morphologische Parameter, auch im Hinblick auf die Krankheitsprogression, zu untersuchen.

Methode: Eingeschlossen wurden Patienten mit genetisch gesicherter ADOA, welche eine zugrundeliegende OPA1-Mutation aufwiesen. Die Untersuchung erfolgte im Rahmen der klinischen Routine, und schloss die Bestimmung der bestkorrigierten Sehschärfe (BCVA), sowie die retinale Bildgebung mittels optischer Kohärenztomographie (OCT) ein. Die OCT-Aufnahmen wurden automatisiert segmentiert und die Segmentierung bei Bedarf manuell korrigiert. Es erfolgte die Auswertung der peripapillären retinalen Nervenfaserschichtdicke (RNFL) sowie der makulären Netzhautschichtdicken (gesamte Netzhaut, kombinierte innere und äußere Netzhaut sowie individuelle Schichten). Für die Auswertung wurden die Augen der Patienten anhand des BCVA in die Gruppen der besser bzw. schlechter sehenden Augen eingeteilt. Bei fehlender eindeutiger Zuordnung wurde standardmäßig das rechte Auge der Gruppe der besser sehenden und das linke Auge der Gruppe der schlechter sehenden Augen zugewiesen. Zusammenhänge zwischen BCVA (LogMAR), Alter und retinalen Schichtdicken wurden untersucht.

Ergebnis: Insgesamt wurden 52 Augen (26 Patienten) aus 23 Familien eingeschlossen, die 19 verschiedene OPA1-Varianten aufwiesen (überwiegend Loss-of-Function-Varianten). ADOA-Plus-Merkmale zeigten sich bei zwei Patienten. Das Alter des subjektiven Symptombeginns lag zwischen 2 und 29 Jahren (Median: 7 Jahre), die genetische Diagnosesicherung erfolgte verzögert 2 bis 49 Jahre hiernach (mediane Verzögerung: 12 Jahre). Für 16 Patienten lagen longitudinale Daten mit Nachbeobachtungszeiträumen zwischen 6 und 120 Monaten (Median: 39,5 Monate) vor. Der BCVA blieb bei drei Patienten (mediane Nachbeobachtung: 29 Monate) in beiden Augen stabil und zeigte bei den übrigen eine langsam progrediente Verschlechterung. Der mittlere BCVA bei Erstvorstellung unterschied sich signifikant zwischen besser und schlechter sehenden Augen (p=0,002) und betrug 0,55±0,38 LogMAR (≈20/70 Snellen) bzw. 0,64±0,40 LogMAR (≈20/90 Snellen). Die schlechter sehenden Augen wiesen eine insgesamt geringere peripapilläre RNFL-Dicke im temporal-inferioren Sektor auf (p=0,01). Lineare Regressionsanalysen zeigten, dass ein schlechterer BCVA mit einer Ausdünnung der temporalen peripapillären RNFL sowie unterschiedlicher makulärer Sektoren der RNFL, der Ganglienzellschicht und der inneren plexiformen Schicht assoziiert war. Entsprechende Zusammenhänge fanden sich auch für die kombinierte Dicke der inneren Netzhautschichten (gemessen von der inneren bis zur äußeren Grenzmembran) sowie für die Gesamtnetzhautdicke, aber nicht für die äußeren Netzhautschichten.

Schlussfolgerung: Diese Studie liefert weitere klinische, funktionelle, und morphologische Daten zum Krankheitsbild der OPA1-assoziierten ADOA. Die beobachtete Verzögerung zwischen Symptombeginn und genetischer Diagnosesicherung unterstreicht die Notwendigkeit, das Bewusstsein für diese seltene Erkrankung zu stärken und Überweisungsstrukturen zu optimieren, um eine zeitnahe Diagnosestellung zu ermöglichen. Die frühzeitige Identifikation betroffener Patienten könnte insbesondere im Hinblick auf aktuell in Erprobung befindliche Therapieansätze von Bedeutung sein.