66. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie e. V.
66. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie e. V.
Katheterismus oder Desobstruktion bei Restharnbildung?
Text
Einleitung: Das Benigne Prostatasyndrom (BPS) ist eine der häufigsten Ursachen für Blasenauslassobstruktionen bei Männern über 45 Jahren und kann zu erheblichen Miktionsbeschwerden sowie langfristigen Folgen für den oberen Harntrakt führen. Ein erhöhter postmiktioneller Restharn wird häufig als Hinweis auf eine relevante subvesikale Obstruktion gewertet, die eine operative Therapie rechtfertigen kann. Allerdings können bei ausgeprägtem Restharn auch myogene Funktionsstörungen bis hin zum akontraktilen Detrusor vesicae vorliegen, bei denen operative Maßnahmen prognostisch keinen Erfolg versprechen. Die aktuelle EAU-Leitlinie empfiehlt bei erhöhtem Restharn zwar eine Urodynamik (UD) vor operativen Eingriffen, stützt diese Empfehlung aber nur auf eine schwache Evidenz („weak recommendation“). Die deutsche S2e-Leitlinie empfiehlt die UD bei BPS ebenfalls nur in ausgewählten Fällen.
Ziel dieser Studie war es, bei Patienten mit erhöhtem Restharn und vergrößertem Prostatavolumen mittels UD zu evaluieren, wie häufig ein myogener Detrusordefekt vorliegt und somit eine desobstruktive Operation obsolet wäre.
Methode: In einer retrospektiven Analyse wurden 50 Patienten >45 Jahre ohne Voroperation oder neurologische Erkrankung mit Prostatavolumen ≥20 ml und Restharn >200 ml untersucht, die sich zwischen Juli 2024 und März 2025 einer UD unterzogen. Erfasst wurden Prostatavolumen, Restharn, maximale Blasenkapazität, Obstruktionsgrad nach Schäfer sowie die Detrusorkontraktilität.
Ergebnisse: Das mediane Alter betrug 65,5 Jahre (IQR 15,25 Jahre), das mediane Prostatavolumen 31,5 ml (IQR 14,25 ml) und der mediane Restharn 383 ml (IQR 259,25 ml). Die maximale Blasenkapazität betrug im Median 602 ml (IQR 176 ml). Bei 48% der Patienten wurde eine subvesikale Obstruktion ≥ Grad I nach Schäfer Normogramm nachgewiesen, während bei 52% keine suffiziente Detrusorkontraktion (Pdetmax <10 cmH2O, medianer Qmax 0) vorlag. Eine höhergradige Obstruktion (≥ Grad 3) fand sich bei 28% der Fälle. Basierend auf den urodynamischen Befunden wurde bei 46% eine transurethrale Resektion der Prostata empfohlen, bei 54% eine intermittierende Selbstkatheterisierung. Restharn- und Prostatavolumen unterschieden sich nicht signifikant zwischen beiden Gruppen (p=0,77 bzw. p=0,091), ebenso wenig das Alter (p=0,76).
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen, dass trotz ausgeprägtem Restharn und relevantem Prostatavolumen nur knapp die Hälfte der Patienten eine Obstruktion in der UD aufweist. Über die Hälfte zeigt einen myogenen Detrusordefekt, bei dem eine Operation mutmaßlich keine Symptomverbesserung bringt. Prädiktive Parameter wie Alter oder Höhe von Restharn- oder Prostatavolumen sind in dieser Kohorte nicht erkennbar. Die Daten stützen daher deutlich eine Empfehlung zur UD vor operativer Therapie des BPS, um nicht indizierte Eingriffe und relevante peri- und postoperative Nebenwirkungen zu vermeiden. Die UD erweist sich als somit als diagnostisches Kerninstrument für individualisierte Therapieentscheidungen.



