66. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie e. V.
66. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie e. V.
Entwicklung molekularer Diagnostik und Therapieansätze in der Uroonkologie an einem universitären Zentrum
Text
Einleitung: Trotz kontinuierlicher Fortschritte in Diagnostik und Therapie sind fortgeschrittene urologische Tumorerkrankungen wie Prostata- (PC), Blasen- (BC), Nierenzell- (RCC) und Peniskarzinome (PeC) mit einer ungünstigen Prognose assoziiert. Molekulare Therapieansätze finden insbesondere beim PC zunehmend klinische Anwendung, während der Einsatz in anderen urologischen Entitäten bislang begrenzt ist. Ziel dieser Arbeit war es, den realen Einsatz molekularer Diagnostik sowie deren therapeutische Konsequenzen zu analysieren.
Methode: In dieser retrospektiven Datenanalyse wurden alle Patienten berücksichtigt, die zwischen 2018 und 2024 im universitären interdisziplinären Tumorboard (ITB) vorgestellt wurden. Es wurden alle Fälle mit einer Empfehlung zur molekularen Diagnostik mittels Stichwortsuche identifiziert und nach Tumorentität klassifiziert. Die molekulargenetischen Analysen erfolgten unter Verwendung krankheitsspezifischer oder pan-onkologischer Next-Generation-Sequencing-Panels. Im molekularen Tumorboard (MTB) wurden die Therapieempfehlungen anschließend festgelegt. In der Auswertung wurden molekulare Alterationen, die Therapieempfehlungen einschließlich Evidenzlevel und die tatsächlich durchgeführten molekulargerichteten Therapien und deren klinische Verläufe erfasst.
Ergebnisse: Von insgesamt 11.562 im ITB diskutierten Fällen wurde bei 332 (2,9%) Patienten eine molekulare Diagnostik mit anschließender MTB-Vorstellung empfohlen. Zwischen 2018 und 2023 war ein Anstieg der Empfehlungen und Diagnostik aus dem MTB zu beobachten. Bei 113 Patienten wurde eine molekulare Analyse durchgeführt, darunter 64 PC-, 24 BC-, 22 RCC- und drei PeC-Patienten sowie 66 Fälle mit isolierter BRCA-Testung. Zehn Patienten erhielten eine zielgerichtete Therapie, überwiegend basierend auf Evidenzlevel 1 (8× Level 1, 2× Level 2). Vier Patienten der BRCA-Kohorte wurden mit Olaparib behandelt, wovon neun Patienten der BRCA1/2-Analysen eine Mutation aufwiesen. Weitere Alterationen waren PTEN beim PC, HER2 und FGFR beim BC, VHL beim RCC sowie EGFR beim PeC. Das mediane Gesamt- (OS) und progressionsfreie Überleben (PFS) waren in allen untersuchten Entitäten mit Ausnahme des PeC unter zielgerichteter Therapie länger als unter Standardtherapie. Die Differenz zugunsten der zielgerichteten Therapie betrug beim OS und PFS beim PC 3 Monate und 2 Monate, bei PARP-Inhibition 6 Monate und 7 Monate, beim BC 74 Monate und 1 Monat sowie beim RCC 13 Monate und 3 Monate. Beim PeC zeigte sich kein Überlebensvorteil.
Schlussfolgerung: Molekulare Diagnostik gewinnt in der urologischen Onkologie zunehmend an Bedeutung, führt im klinischen Alltag jedoch bislang nur selten zu therapeutischen Konsequenzen. Die Ergebnisse unterstreichen den Bedarf an strukturierter molekularer Testung, prospektiver Datenerhebung und der Weiterentwicklung evidenzbasierter Therapieansätze zur besseren Nutzung personalisierter Therapien in der Uroonkologie.



