99. Versammlung des Vereins Rhein-Mainischer Augenärzte
99. Versammlung des Vereins Rhein-Mainischer Augenärzte
Distribution of severe ocular injuries from crisis and conflict zones within the German healthcare system: A scenario-based capacity analysis
Text
Hintergrund: Strategische medizinische Evakuierungen aus Krisen- und Konfliktgebieten können innerhalb kurzer Zeit zu einem starken Zustrom schwer verletzter Patienten führen. Augenverletzungen erfordern häufig eine zeitkritische mikrochirurgische Versorgung und wiederholte operative Eingriffe. Es ist bislang unklar, ob die augenärztliche Versorgung in Deutschland einen anhaltenden Zustrom solcher Patienten bewältigen kann.
Methoden: Wir führten eine szenariobasierte Simulation der Transport- und Behandlungskette durch, von der internationalen strategischen medizinischen Evakuierung bis zur stationären augenärztlichen Versorgung in Deutschland. Die Transportlogistik wurde mit der Simulationssoftware ComPaT (IABG mbH, Deutschland) modelliert. Das Modell berücksichtigte Verfügbarkeit, Auslastung und Patientenkapazität verschiedener medizinischer Transportmittel, Transportgeschwindigkeiten sowie die Nutzung und Auslastung der Straßen-, Schienen- und Luftverkehrsnetze. Zusätzlich wurde die Verteilung der Patienten auf der „letzten Meile“ von Bahnhöfen und Flughäfen zu den Zielkliniken simuliert. In das Modell flossen öffentlich verfügbare Daten zu medizinischen Transportkapazitäten, zum deutschen Kleeblatt-Konzept zur überregionalen Patientenverlegung sowie zu 94 universitären und nicht-universitären Augenkliniken ein. Für ein strategisches Massenanfall-Szenario mit 1.000 Verwundeten pro Tag wurde ein anhaltender Zustrom von 45 Patienten mit schweren Augenverletzungen pro Tag angenommen. Die augenärztliche Bettenbelegung im Fließgleichgewicht (Steady State) wurde für stationäre Verweildauern von 3 bis 10 Tagen berechnet.
Ergebnisse: Die geschätzte mittlere stationäre Kapazität der deutschen Augenkliniken lag bei etwa 2.180 Betten, davon 1.173 an Universitätsaugenkliniken. Ein anhaltender Zustrom von 45 Patienten pro Tag würde je nach Verweildauer 135 bis 450 Betten binden. Bei einer Verweildauer von 7 Tagen wären 315 Betten belegt. Dies entspräche 26,9% der universitären und 14,4% der gesamten bundesweiten augenärztlichen Bettenkapazität. Bei einer Verweildauer von 10 Tagen stiegen diese Anteile auf 38,4% bzw. 20,6%. Neben der Bettenverfügbarkeit identifizierte die Simulation die Verfügbarkeit und Auslastung der Transportmittel, Engpässe in den Verkehrsnetzen sowie die Verteilung von den Ankunftsorten auf der letzten Meile als relevante logistische Flaschenhälse. Weitere Limitierungen ergaben sich aus der Konzentration vitreoretinaler OP-Kapazitäten und aus dem Umgang mit kontaminierten Verletzungen und multiresistenten Erregern.
Schlussfolgerungen: Die nominelle bundesweite augenärztliche Bettenkapazität erscheint für ein begrenztes Massenanfall-Szenario zunächst ausreichend. Eine gleichmäßige Verteilung der Patienten ist jedoch kaum realisierbar, da sich mikrochirurgische Expertise und OP-Ressourcen auf ausgewählte Zentren konzentrieren. Die Vorbereitung sollte daher ein koordiniertes Hub-and-Spoke-Netzwerk, vorab definierte Triage- und Zuweisungskriterien, die Bündelung von Transport-, Personal- und OP-Ressourcen sowie belastbare Hygiene- und Isolationskonzepte umfassen. Da es sich um eine szenariobasierte Simulation und nicht um eine validierte Bedarfsprognose handelt, sollten die zugrunde liegenden Annahmen vor einer operativen Umsetzung anhand realer Daten zu Evakuierung, Behandlung und Verweildauer überprüft werden.



