38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
CO2-Fußabdruck fluorierter Gase bei Vitrektomien zur Behandlung rhegmatogener Netzhautablösungen – eine deutschlandweite Analyse von 2013–2023
Text
Ziel: Der Klimawandel stellt eine globale Herausforderung dar. Der Gesundheitssektor trägt mit 5,2% erheblich zu den deutschen CO2-Emissionen bei. Fluorierte Gase (FG) wie SF6, C2F6 und C3F8 sind bewährte Endotamponaden bei der Pars-plana-Vitrektomie (ppV) zur Behandlung der rhegmatogenen Netzhautablösung (rNA). Trotz ihrer klinischen Rolle besitzen diese Gase ein erhebliches Treibhauspotenzial (Global Warming Potential, GWP). Angesichts einer geplanten EU-weiten Beschränkung von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) war es Ziel dieser Studie, den CO2-Fußabdruck fluorierter Gase bei ppV zur Behandlung der rNA in Deutschland zu quantifizieren und in Relation zu den nationalen sowie sektoralen Gesamtemissionen einzuordnen.
Methoden: Wir werteten DRG-kodierte Daten des Statistischen Bundesamtes aller ppV bei rNA im Zeitraum 2013 bis 2023 aus. Die OPS-Kodierung differenziert nur zwischen Gas-, Silikonöl- und Lufttamponade, aber nicht zwischen einzelnen Gastypen. Daher rechneten wir die Proportionen der Gase mit SF6 66%, C2F6 27% und C3F8 6% anhand einer bundesweiten retina.net-Umfrage unter vitreoretinalen Chirurgen hoch. Die Berechnung der CO2-Äquivalentemissionen (CO2EM) erfolgte auf Basis standardisierter 40-ml-Gaskanister unter Standardbedingungen (STP). Die jeweilige Gasmasse betrug 0,0521 g (SF6), 0,0394 g (C2F6) und 0,0403 g (C3F8) pro Eingriff. Die CO2EM wurde anhand der GWP100-Werte des sechsten IPCC-Sachstandsberichts (SF6: 25.200, C2F6: 12.400, C3F8: 9.290) berechnet. Zur Veranschaulichung wurden die Emissionen in Kraftstoffverbrauch und PKW-Fahrkilometer umgerechnet.
Ergebnisse: Im Untersuchungszeitraum wurden in Deutschland 354.505 ppV bei rNA durchgeführt. Die jährliche Fallzahl stieg um 51,7% (p<0,0001) von 25.615 (2013) auf 38.880 (2023). Die Inzidenz der rNA nahm von 31,7 auf 45,9 pro 100.000 Einwohner zu. Gas war mit 55,3% (196.177 Fälle) die häufigste Tamponade, gefolgt von Silikonöl (27,7%, 98.357 Fälle) und Luft (16,9%, 59.971 Fälle). Die 196.177 Gastamponaden verursachten insgesamt 201,3 Tonnen (t) CO2EM. SF6 war mit 170,1 t (84,5%) der größte Emittent, gefolgt von C2F6 mit 26,8 t (13,3%) und C3F8 mit 4,4 t (2,2%). Die jährlichen Emissionen betrugen durchschnittlich 18,3 t CO2EM. Dies entspricht lediglich 0,000003% der deutschen Gesamtemissionen (596,15 Mio. t) und 0,00003% der Emissionen des Gesundheitssektors (68 Mio. t). Umgerechnet entsprechen die jährlichen Emissionen dem Kraftstoffverbrauch von etwa 4–5 PKWs bzw. circa 60.031 gefahrenen Kilometern pro Jahr. Eine hypothetische Umstellung aller SF6-Fälle auf C2F6 könnte die CO2EM um 37% reduzieren (von 170,1 auf 63,3 t).
Schlussfolgerung: Diese erste nationale Analyse zeigt, dass fluorierte Gase bei ppV zur Behandlung der rNA in Deutschland einen vernachlässigbaren Anteil an den CO2-Emissionen des Gesundheitssektors und der Gesamtemissionen Deutschlands ausmachen. Ein EU-weites Verbot von PFAS, das auch ophthalmologisch genutzte fluorierte Gase einschließt, würde die Patientenversorgung bei visusbedrohender rNA erheblich gefährden, solange keine nachgewiesen gleichwertige medizinische Alternative existiert. Die Substitution von SF6 durch C2F6 könnte eine erste pragmatische Emissionsreduktion darstellen, ohne die klinische Wirksamkeit einzuschränken. Umweltziele und die Sicherheit der Patientenversorgung sollten in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Weitere Forschung zu nachhaltigen Alternativen mit niedrigerem Treibhauspotenzial ist erforderlich.



