Logo

Gesundheit gestalten

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS)
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen

Meeting Abstract

Psychosoziales Embodiment und negative Versorgungserfahrungen: gynäkologische Versorgungsverläufe bei Endometriose

Stephanie Batram-Zantvoort - Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG3 Epidemiologie & International Public Health, Universität Bielefeld, Deutschland
Malin Houben - Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG3 Epidemiologie & International Public Health, Universität Bielefeld, Deutschland
Johanna Paul - Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG3 Epidemiologie & International Public Health, Universität Bielefeld, Deutschland
Céline Miani - Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG3 Epidemiologie & International Public Health, Universität Bielefeld, Deutschland

Text

Hintergrund: Endometriose ist eine chronische, schmerzhafte und häufig spät diagnostizierte Erkrankung, deren Versorgung über Jahre durch wiederholte medizinische Konsultationen geprägt ist.

Zielsetzung/Fragestellung: An der Schnittstelle von Sozialepidemiologie und Versorgungsforschung untersuchen wir, wie negative Patient:innenerfahrungen in gynäkologischen Versorgungskontexten entstehen und als Ausdruck struktureller, institutioneller und epistemischer Machtverhältnisse verstanden werden können.

Material & Methoden: Die empirische Basis bilden qualitative Einzel- und Gruppeninterviews mit Endometriosepatient:innen. Die Analyse erfolgt kritisch-reflexiv, orientiert an feministischer qualitativer Forschung. Der Ansatz des psychosozialen Embodiments nach Nancy Krieger wird auf den Versorgungskontext übertragen und durch das Konzept gynäkologischer Gewalt ergänzt, um negative Erfahrungen sowohl als verkörperte Manifestationen sozialer Ungleichheitsverhältnisse als auch als Ausdruck institutionalisierter Versorgungspraktiken zu verstehen.

Ergebnisse: Negative Versorgungserfahrungen zeigen sich auf struktureller, institutioneller und relationaler Ebene. Strukturell treten ungleiche Zugänge, Ressourcenknappheit, die Vernachlässigung nicht-reproduktiver Gesundheitsaspekte und vergeschlechtlichte Normalisierungen von Schmerz auf. Institutionell werden diagnostische Verzögerungen oder standardisierte Routinen sichtbar. Relational manifestieren sich nicht-validierende Kommunikation, fehlende Empathie und epistemische Ungerechtigkeit, insbesondere die De-Legitimierung von Patient:innenerfahrungen. Ebenenübergreifend zeigen sich Prozesse epistemischer und symbolischer Marginalisierung.

Diskussion: Negative Erfahrungen in der gynäkologischen Versorgung sind kumulative Prozesse, die sich im Sinne psychosozialen Embodiments in den erlebten Erfahrungen der Patient:innen verankern. Sie spiegeln die Verschränkung sozialer, institutioneller und epistemischer Machtverhältnisse wider und tragen zur Reproduktion gesundheitlicher Ungleichheiten bei.

Take Home Message für die Praxis: Patient:innenerleben muss konsequent ernst genommen und aktiv in Versorgungsentscheidungen integriert werden. Verspätete Diagnosen, das Nicht-Ernstnehmen von Symptomen oder die Abwertung von Beschwerden haben direkte gesundheitliche und psychosoziale Konsequenzen. Strukturelle, institutionelle und epistemische Veränderungen sind notwendig, um Versorgung gerechter und empathischer zu gestalten und Patient:innenperspektiven konsequent zu berücksichtigen.

Interessenkonflikte: Keine