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Gesundheit gestalten
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen
Gesundheit gestalten
Wenn Schmerzscores schweigen – Patientenperspektiven auf Veränderungen nach tagesklinischer multimodaler Schmerztherapie: eine qualitative Folgestudie
Text
Hintergrund: Standardisierte Outcomes in der Schmerztherapie fokussieren primär auf Schmerzintensität und Symptombelastung. Eine prospektive Beobachtungsstudie (N=70) zu einem 16-wöchigen tagesklinischen multimodalen Anschlussprogramm (GKH Havelhöhe) zeigte eine Stabilisierung auf dem stationär erreichten Niveau, jedoch keine signifikante weitere Schmerzreduktion. Gleichzeitig berichteten Teilnehmende von subjektiv bedeutsamen Veränderungen in Körperwahrnehmung, Selbstwirksamkeit und Lebensqualität, die in den Fragebogendaten nicht sichtbar wurden.
Zielsetzung/Fragestellung: Welche Veränderungen nehmen Patient:innen nach Abschluss des Programms bei sich wahr, und welche Programmelemente werden als wirksam erlebt? Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen quantitativen Outcomes und subjektivem Veränderungserleben zu verstehen sowie therapierelevante Wirkdimensionen zu identifizieren.
Material & Methoden: Leitfadengestützte qualitative Einzelinterviews (N=22) nach Abschluss der Tagesklinik. Auswertung nach thematischer Analyse (Braun & Clarke). Integration der qualitativen Befunde mit quantitativen Verlaufsdaten.
Ergebnisse: Die Analyse identifiziert vier zentrale Themen: (1) Gestärkte Selbstwirksamkeit – Teilnehmende berichten, sich körperlich und mental mehr zuzutrauen und sicherer im Alltag zu agieren; (2) Veränderte Krankheitskommunikation– größere Sicherheit, gegenüber dem sozialen Umfeld offen über Schmerz und Einschränkungen zu sprechen; (3) Individueller Praxistransfer – konsistent beschriebene, aber inhaltlich heterogene Übernahme von Programmelementen in den Alltag; (4) Ambivalenz gegenüber Autonomie – trotz wahrgenommener Stärkung fällt das Loslassen der Gruppe schwer; der Wunsch nach Fortführung spiegelt weniger eine Versorgungslücke als eine psychologische Herausforderung: die Überführung von therapeutischer Unterstützung in eigenständige Handlungsfähigkeit.
Diskussion: Die Befunde erklären, weshalb standardisierte Schmerzscores die Wirkung des Programms nur unzureichend abbilden: Zentrale Wirkdimensionen — Selbstwirksamkeit, soziale Handlungsfähigkeit, Alltagstransfer — werden durch gängige Instrumente nicht erfasst. Zugleich verweist die Gruppenabhängigkeit am Programmende auf ein therapeutisch relevantes Spannungsfeld zwischen Stabilisierung und Autonomieentwicklung, das in der Programmgestaltung explizit adressiert werden sollte.
Take Home Message für die Praxis: Multimodale Schmerztherapie wirkt auf Ebenen, die Schmerzscores nicht messen. Qualitative Methoden machen diese Wirkdimensionen sichtbar — und zeigen, wo Programme gezielt ausgerichtet werden sollten.
Interessenkonflikte: Keine



