German Congress of Orthopaedics and Traumatology 2026 (DKOU 2026)
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Die Wertigkeit der frühen Ganzbeinaufnahme zur Beurteilung der Beinachse in der Knieendoprothetik
Text
Zielsetzung und Fragestellung: In Deutschland sind Endoprothetikzentren vor Entlassung eine Ganzbeinaufnahme zur Beurteilung der Beinachse bzw. der Ausrichtung anzufertigen. In dieser sehr frühen Phase sind vollständige Streckung, und Vollbelastung häufig nicht gewährleistet, was die Aussagekraft der Achsvermessung limitiert. Untersucht wurde die Wertigkeit der frühen postoperativen GBA (4.–8. postoperativer Tag) zur Beurteilung der mechanischen Beinachse nach primärer Knie-TEP.
Material und Methoden: Retrospektive Studie, aus 680 Patient:innen wurden zwei Gruppen gebildet: eine Frühgruppe mit GBA am 4.–8. postoperativen Tag (n=634) sowie eine Spätgruppe mit poststationärer GBA zu späterem Zeitpunkt bei fehlender früher GBA (n=46). Sofern vorhanden, wurden zusätzlich spätere Ganzbeinaufnahmen zur Verlaufsbeurteilung herangezogen. Bildqualitätskriterien (Rotation, Streckdefizit, fehlende/verminderte Belastung) wurden qualitativ erfasst. Eine relevante Achsenabweichung wurde definiert als absoluter HKA-Winkel >3. Statistisch wurden nichtparametrische Tests verwendet; kategoriale Variablen wurden mittels Chi-Quadrat- bzw. Fisher-Exakt-Test analysiert. Zusammenhänge wurden mittels Spearman-Korrelation geprüft. Zur Adjustierung potenzieller Confounder kamen multiple logistische Regressionsmodelle sowie Modelle mit kontinuierlicher Zielvariable (z.B. Gamma-GLM mit Log-Link) zum Einsatz.
Ergebnisse: In der Frühgruppe traten Qualitätsstörfaktoren häufig auf (Streckdefizit 45,4%, Rotationsfehler 29,0%, fehlende Belastung 8,7%); 404/634 Aufnahmen wurden als „schlecht“ eingestuft. Eine schlechte Aufnahmequalität war mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine relevante Achsenabweichung assoziiert (42,3%; OR 2,13; p<0,001); zwischen den postoperativen Tagen 4–8 bestanden keine signifikanten Unterschiede. In der Spätgruppe (31,4±27,2 Monate postoperativ) waren Qualitätsstörungen nahezu nicht vorhanden und die Achsabweichung geringer (1,83±1,69°); entsprechend war die Frühgruppe im Vergleich hinsichtlich Aufnahmequalität und Achsabweichung signifikant schlechter (je p<0,001). Der Zeitpunkt der GBA blieb auch nach Adjustierung invers mit der Achsenabweichung assoziiert (logistische Regression und kontinuierliche Modelle). Bei Patient:innen mit zwei Messzeitpunkten zeigten frühe Kontrollen häufiger relevante, spätere irrelevante Achsenänderungen (je Wilcoxon p<0,001). Das Ergebnis der Entlassungs-GBA hatte in keinem Fall Konsequenzen für den weiteren Behandlungsverlauf.
Diskussion und Schlussfolgerung: Die frühe postoperative GBA am 4.–8. Tag ist häufig durch Streckdefizit, Rotationsabweichungen und eingeschränkte Belastbarkeit beeinträchtigt und bildet die tatsächliche Beinachse nur eingeschränkt ab. Später angefertigte GBAs zeigen deutlich bessere Messbedingungen und daher als geeignetere Referenz zur Beurteilung der postoperativen mechanischen Beinachse. Vor diesem Hintergrund und bei fehlenden therapeutischen Konsequenzen sollte die routinemäßige Durchführung der sehr frühen GBA zur Beurteilung der „endgültigen“ Beinachse kritisch diskutiert werden.



