42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Falldarstellung des bekannten Popsängers Berq mit dem ästhetischen Alleinstellungsmerkmal der behauchten und brüchigen Stimme versus Stimmtherapie: Wie kann das Alleinstellungsmerkmal der Stimme bewahrt werden, ohne dass eine Schädigung droht?
Abstract
Hintergrund: An der Schnittstelle von Ästhetik, Karriere, hohem Leistungsdruck und physischer Gesundheit beleuchtet mein Beitrag den therapeutischen Prozess des im deutschsprachigen Raum erfolgreichen Künstlers Berq. Seine behauchte, brüchige Stimme ist das Fundament seiner Beliebtheit und gleichzeitig bedrohte akute Heiserkeit Konzertauftritte.
Er steht exemplarisch für junge Pop-Talente, bei denen hoher Leistungsdruck auf mangelnde Stimmausbildung trifft. Die Fallstudie zeigt, dass künstlerischer Ausdruck oft Erfolg mit sich bringt, aber eine fundierte phoniatrische Diagnostik und Stimmbildung essenziell ist. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Medizin und Logopädie gelang es, Berqs Stimme belastbar zu machen, ohne ihre ästhetische Identität zu verlieren.
Material und Methode: Die Falldarstellung analysiert das Stimmprofil des Sängers Berq. Die Diagnose ergab eine hypofunktionelle Dysphonie mit beginnenden Phonationsverdickungen. Im Fokus steht die Balance zwischen künstlerischer Signatur (absichtlich behauchte Stimme) und Gesundheit. Es werden Kompensationsstrategien entwickelt, um die Effekte zu erhalten und die Belastung zu minimieren.
Ich gewähre Einblicke in den Therapieverlauf, ziehe die Grenze zwischen Therapie und Coaching und gehe auf die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit mit der Charité ein. Eine ästhetisch-funktionale Betrachtung der Stimme ermöglicht Berq die kreative Integration von Übungen in sein Bühnenprogramm. Beispiele werden eingespielt.
Ergebnisse: Die Zusammenarbeit mit Berq unterstreicht die Relevanz medizinischer Aufklärung im Pop Gesang. Die Vermittlung von Hilfemöglichkeiten ist essenziell, um Scham abzubauen und den Zugang zu professioneller Unterstützung zu erleichtern, bevor pathologische Veränderungen entstehen. Durch die Synergie aus phoniatrischer Diagnostik und einer gezielten, funktional orientierten Stimmtherapie konnte die akute Phonationsstörung behoben werden. Die Wiederherstellung der vollständigen Tourneefähigkeit wurde realisiert. Das Vorgehen basiert auf drei Säulen, Habilitation, Rehabilitation und Prävention.
Schlussfolgerung: Durch die Verknüpfung der Kompetenzen und den Zugang auf aktuelle Forschungsergebnisse können wir eine ganzheitliche Begleitung für Sängerinnen schaffen. Ein Brückenschlag zwischen Therapieraum und großer Bühne ist somit möglich. Mein Ziel ist es, Menschen in ihrer stimmlichen Authentizität zu stärken und Horizonte zu erweitern, indem wir Stimmtherapie neu denken und einen engen interdisziplinären Austausch etablieren.
Text
Hintergrund
An der Schnittstelle von Ästhetik, steiler Karriere, hohem Leistungsdruck und physischer Gesundheit beleuchtet der Vortrag den therapeutischen Prozess des im deutschsprachigen Raum erfolgreichen Künstlers Berq. Seine behauchte, brüchige Stimme, das Fundament seiner Beliebtheit, wurde ihm im Verlauf seiner frühen Karriere zum Verhängnis. Akute Heiserkeit und Konzertabsagen waren die Folge.
Berq steht exemplarisch für viele junge Talente im populären Gesang. Oft verhindern Scham, fehlende Informationen oder die Angst vor einer medizinischen Diagnose den rechtzeitigen Gang zu Expert*innen, was die Karrieren junger Künstler*innen gefährden kann.
Dieser Vortrag zeigt auf, wie das Einbinden der medizinischen Physiologie der Stimme und ein strukturierter Therapieprozess die erweiterten Anforderungen des Pop-Gesangs erlauben.
Material und Methoden
Die differenzierte, standardisierte Stimmdiagnostik – unter Einsatz visueller, akustischer und psychometrischer Verfahren – ergab bei dem Künstler eine malregulative Dysphonie mit beginnenden Phonationsverdickungen. Neben der Skizzierung seiner musikalischen Vorbildung und des klinischen Befunds wird sein künstlerischer Werdegang beleuchtet. Für seine Klangästhetik wird ein Risikomanagement entwickelt, um herauszufinden, welche seiner künstlerischen Merkmale am meisten belasten. Dabei stehen die mit steigender Bekanntheit wachsenden stimmlichen Herausforderungen im Mittelpunkt. Variierende Formate wie wachsende Konzerthallen, Open-Air-Auftritte sowie Konzerte mit Band oder Orchester. Aspekte jenseits des Therapieraumes finden Platz: Das Leben auf Tour im Nightliner, Auftritte vor 15.000 Menschen und der psychische Druck durch die Präsenz in den sozialen Medien. Es werden konkrete Einblicke in den dynamischen Therapieverlauf gewährt, die Besonderheiten der interdisziplinären Zusammenarbeit mit der Phoniatrie im akuten Notfall aufgezeigt und die Grenze zwischen logopädischer Therapie und begleitendem Coaching beschrieben. Strategien werden entwickelt, damit der Effekt der Stimme erhalten bleibt, während die Belastung minimiert wird. Durch die Optimierung der Stimmgebung und die Ökonomisierung des Atemstroms wurde nachgewiesen, dass eine funktionale Stimmbildung die gezielte Instabilität nicht nivelliert, sondern durch effizientes Stimmtraining langfristig absichert. Diese Selbstregulation reduzierte die psychische Belastung und die antizipierte Angst vor erneuten Stimmausfällen unter Leistungsdruck signifikant.
Die Stimmregeneration im gesamten Umfang der Sängerstimme wird demonstriert. Dabei werden Phonationsstärke und Frequenz als zentrale, für Berqs Auftritte relevante Stimmeigenschaften vorgestellt. Eine ästhetisch-funktionale Betrachtung der Stimme ermöglicht Berq die kreative Integration von Übungen in sein Bühnenprogramm. Der Prozess beschreibt die Ursachenforschung bei gleichzeitiger psychologischer Unterstützung, um dem Alltag eines Berufssängers flexibel zu entsprechen.
Ergebnisse
Die Arbeit mit Künstler*innen wie Berq verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen künstlerischem Ausdruck – der essenziell von der Ästhetik des „Unperfekten“ lebt – und der Notwendigkeit einer belastbaren Stimmfunktion. Die interdisziplinäre Betreuung führte zu folgenden zentralen Ergebnissen:
- Durch die Synergie aus spezialisierter phoniatrischer Diagnostik in der Charité und einer gezielten, funktional orientierten Stimmtherapie konnte die akute Phonationsstörung behoben werden. Die Wiederherstellung der vollständigen Tourneefähigkeit wurde ohne weitere Konzertabsagen realisiert.
- Ein wesentlicher Erfolg der Therapie war der Erhalt der charakteristischen behauchten Ästhetik bei gleichzeitiger Implementierung einer gesunden physiologischen Stimmgebung. Eine gesunde Stimme reicht jedoch nicht aus. Popsänger*innen benötigen eine Hochleistungsstimme. Deswegen wurde eine fundierte, personalisierte Stimmhygiene entwickelt, sowie ein individuelles, auf die spezifischen Belastungen einer Tournee (Monitoring, Schlafmangel, Mikrofonarbeit) zugeschnittenes Warm-up und Warm-down-Protokoll.
- Die enge Taktung zwischen Logopädie, Phoniatrie und Gesangspädagogik ermöglichte einen nahtlosen Übergang von der kurativen Therapie zum präventiven Bühnencoaching. Bühnenpräsenz, Intention und Bewegung im Raum sind hier grundlegende Themen, die die Stimme beeinflussen. Wann entsteht dieser ganz besondere Draht in der Kommunikation? Wann geht ein spürbarer Ruck durch das Publikum? Warum können Fans Texte plötzlich auswendig mitsingen, oder warum horchen wir auf, wenn eine bestimmte Stimme im Radio spricht? Dieser ganzheitliche Ansatz verhinderte die Rezidivgefahr durch kompensatorische Fehlmechanismen.
- Der Fall unterstreicht die Relevanz medizinischer Aufklärung im populären Gesang. Die Vermittlung von Hilfemöglichkeiten ist essenziell, um Scham abzubauen und den Zugang zu professioneller Unterstützung zu erleichtern, bevor irreversible pathologische Veränderungen entstehen.
- Das Vorgehen basiert auf den drei Säulen Habilitation, Rehabilitation und Prävention.
Diskussion
Die Beliebtheit der behauchten Stimme wirft weitergehend interdisziplinäre Fragen auf:
- Ist es Zufall, dass dieser Klang in der Popmusik und in der Werbung allgegenwärtig ist? Suchen wir nach Intimität und Nähe, nach Verletzlichkeit und Authentizität?
- Wie können wir die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Hinblick auf diese Frage stärken?
Fazit/Schlussfolgerung
Durch die Verknüpfung der Kompetenzen und den Zugang auf aktuelle Forschungsergebnisse können wir eine ganzheitliche Begleitung für Sänger*innen schaffen. Ein Brückenschlag zwischen Therapieraum und großer Bühne ist somit möglich. Mein Ziel ist es, Menschen in ihrer stimmlichen Authentizität zu stärken und Horizonte zu erweitern, indem wir Stimmtherapie neu denken und einen engen interdisziplinären Austausch etablieren.
Den Horizont erweitern: Dieses Ziel erfordert Mut, das klassische Berufsbild der Stimmtherapeut*innen zu öffnen. Ein Behandlungsvertrag verlangt heute mehr denn je Flexibilität und gleichzeitig klare Abgrenzungsstrategien seitens der Therapeut*innen. Gerade die Rehabilitation von Sänger*innen gehört in die Hände hochqualifizierter Expert*innen, die neben therapeutischem Fachwissen über Musikalität und ein analytisches Gehör für die subtilen Störungen der Singstimmfunktion verfügen. Die Grenze zwischen Stimmtherapie und Coaching ist dabei nicht starr, sondern ein aktiver, berufspolitisch relevanter Prozess. Mein Beitrag unterstreicht, dass gerade im Pop-Gesang die Aufklärung über medizinische Zusammenhänge essenziell ist, um Karrieren durch Prävention zu stärken statt durch späte Rehabilitation zu retten. Es ist wichtig, Stimmprobleme als behandelbar zu kommunizieren und nicht mit dem Karriereende gleichzusetzen.
References
[1] Sundberg J. Die Wissenschaft von der Singstimme. Forum Musikpädagogik. Augsburg: Wißner Verlag; 2015.[2] Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V. (DGPP), et al. S2k-Leitlinie. Diagnostik und Therapie von Störungen der Stimmfunktion (Dysphonien). Registernummer 049-008. AWMF; 2022. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/049-008



