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42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
16.-19.09.2026
Starnberg

Poster

Vermittlung sozial-kommunikativer sowie stimmpräventiver Kompetenzen als verbindliche Bestandteile in den zukünftigen KMK-Standards für das Lehramtsstudium

S. Voigt-Zimmermann - Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften/Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Sprechwissenschaft und Phonetik, Halle (Saale), Deutschland
K. von Laguna - Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften/Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Sprechwissenschaft und Phonetik, Halle (Saale), Deutschland
F. Lange - Zentrum für Lehrer*innenbildung/Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Arbeitsbereich “Kommunikation und Stimme”, Halle (Saale), Deutschland

Abstract

Hintergrund: Schülerinnen und Schüler brauchen Lehrkräfte mit kommunikativer Handlungsfähigkeit als professioneller Handlungskompetenz in komplexen Interaktionsprozessen.

Material und Methode: Literaturrecherche und Abstimmungsprozess relevanter Fachdisziplinen, u.a. DGSS, DGPP, dbl, dbs, dgss, MDVS usw.

Ergebnisse: Lehrkräfte zählen zu den Berufsgruppen mit der höchsten stimmlichen Belastung und sind signifikant häufiger von Stimmstörungen betroffen als andere Berufsgruppen. Bereits bei Lehramtsstudierenden sind 37% stimmlich auffällig, 15% benötigen eine Stimmtherapie. Stimmliche und kommunikative Defizite führen zu vermehrten Fehlzeiten oder Frühberentungen und beeinträchtigen die Unterrichtsqualität und das Klassenklima nachhaltig. Umgekehrt führen sprecherzieherische und stimmpräventive Maßnahmen zu geringeren Abbruchquoten im Referendariat, befähigen zu höherer Selbstwirksamkeit und -regulation als Basis von Berufszufriedenheit, zu resilienteren Lehrpersönlichkeiten und signifikanten Verbesserungen der Lernatmosphäre.

Schlussfolgerung: Anlässlich der Überarbeitung der aktuellen KMK-Standards für die Lehramtsausbildung begrüßen die am Konsens beteiligten Fachgesellschaften und Initiativen ausdrücklich, die Vermittlung personaler und sozial-kommunikativer sowie stimmpräventiver Kompetenzen als verbindliche Bestandteile in den zukünftigen Standards für das Lehramtsstudium zu verankern. Gefordert wird die verbindliche Einführung obligatorischer Angebote zur Sprecherziehung/Stimmbildung für Lehramtsstudierende an den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen bundesweit.

Diese Angebote umfassen auch verpflichtende Stimmberatung/-screenings vor bzw. während des Lehramtsstudiums, curricular verankerte Module zu Stimme, Sprechbildung und Kommunikation angeboten durch methodisch und didaktisch universitär ausgebildete Expertinnen und Experten aus den Bereichen Sprecherziehung, Sprechwissenschaft und Stimmtherapie sowie kontinuierliche, aufeinander aufbauende Angebote zur Entwicklung und Erhaltung der stimmlichen und sozial-kommunikativen Berufsfähigkeit.

Text

Hintergrund

Lehrkräfte gestalten Unterricht wesentlich durch Kommunikation. Die Fähigkeit, komplexe Interaktionsprozesse zielgruppengerecht, wertschätzend und professionell zu steuern, stellt eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lehren und Lernen dar. Vor dem Hintergrund aktueller Bildungsanforderungen werden sozial-kommunikative Kompetenzen zunehmend als zentrale Zukunftskompetenzen verstanden [1]. Gleichzeitig ist die Stimme das wichtigste Arbeitsinstrument von Lehrkräften. Ihre Leistungsfähigkeit beeinflusst nicht nur die Verständlichkeit und Wirksamkeit der Kommunikation, sondern auch die Qualität von Unterricht, Beziehungsarbeit und Klassenführung [2]. Trotz der hohen beruflichen Relevanz werden kommunikative, sprecherzieherische und stimmpräventive Kompetenzen bislang in den Standards der Lehrkräftebildung nicht flächendeckend und verbindlich berücksichtigt. Der vorliegende Beitrag verfolgt das Ziel, die wissenschaftliche Evidenz sowie die fachgesellschaftlich abgestimmten Empfehlungen zur Verankerung dieser Kompetenzen in den zukünftigen Standards der Kultusministerkonferenz (KMK) darzustellen.

Material und Methoden

Grundlage des Beitrags ist eine strukturierte Literaturrecherche zu kommunikativen Anforderungen im Lehrberuf, zur stimmlichen Gesundheit von Lehrkräften sowie zu Wirksamkeit und Nachhaltigkeit sprecherzieherischer und stimmpräventiver Maßnahmen. Ergänzend wurden Positionspapiere, Empfehlungen und wissenschaftliche Stellungnahmen relevanter Fachgesellschaften und Berufsverbände ausgewertet. Die Ergebnisse wurden in einem interdisziplinären Abstimmungsprozess zwischen Vertreterinnen und Vertretern der Sprecherziehung, Sprechwissenschaft, Sprachtherapie, Stimmtherapie, Phoniatrie und Pädagogik zusammengeführt. Beteiligt waren u.a.: Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS), Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), Deutschsprachige Gesellschaft für Sprach- und Stimmheilkunde (DGSS), Deutsche Bundesverband für akademische Sprachtherapie und Logopädie (dbs), Deutsche Bundesverband für Logopädie (dbl) sowie weitere fachliche Initiativen und Gremien.

Ergebnisse

Es zeigt sich, dass Lehrkräfte zu den Berufsgruppen mit der höchsten stimmlichen Belastung zählen und signifikant häufiger von Stimmstörungen betroffen sind als Beschäftigte anderer Berufsgruppen. Bereits im Lehramtsstudium weisen etwa 37% der Studierenden stimmliche Auffälligkeiten auf; bei rund 15% besteht ein Therapiebedarf. Stimmliche und kommunikative Einschränkungen stehen mit erhöhten Fehlzeiten, verminderter beruflicher Leistungsfähigkeit sowie einem erhöhten Risiko für vorzeitige Berufsaufgabe oder Frühberentung in Zusammenhang. Darüber hinaus beeinträchtigen sie nachweislich Unterrichtsqualität, Klassenführung und Lernatmosphäre. Demgegenüber zeigen Studien, dass sprecherzieherische, kommunikative und stimmpräventive Maßnahmen die stimmliche Belastbarkeit verbessern, die Selbstwirksamkeit und Selbstregulation stärken sowie die Entwicklung resilienter Lehrpersönlichkeiten fördern. Zudem werden positive Effekte auf die Unterrichtsgestaltung, das Klassenklima und die erfolgreiche Bewältigung der Anforderungen im Vorbereitungsdienst beschrieben [3], [4].

Diskussion

Die Ergebnisse zeigen, dass sozial-kommunikative und stimmliche Kompetenzen zentrale Bestandteile professioneller Lehrkräftekompetenz sind. Angesichts der hohen Prävalenz stimmlicher Auffälligkeiten bereits im Studium und der belegten Wirksamkeit präventiver Maßnahmen erscheint die bisherige curriculare Verankerung dieser Inhalte unzureichend. Die beteiligten Fachgesellschaften empfehlen daher eine verbindliche Integration entsprechender Qualifizierungsangebote in die erste Phase der Lehrkräftebildung. Dies entspricht zugleich den aktuellen Anforderungen an professionsbezogene Gesundheitsförderung, Prävention und Qualitätssicherung im Bildungssystem.

Fazit/Schlussfolgerung

Anlässlich der Überarbeitung der KMK-Standards für die Lehrkräftebildung begrüßen die beteiligten Fachgesellschaften und Initiativen ausdrücklich die Möglichkeit, personale, sozial-kommunikative sowie stimmpräventive Kompetenzen als verbindliche Bestandteile zukünftiger Standards zu verankern [5]. Empfohlen werden bundesweit verpflichtende Angebote zur Sprecherziehung, Kommunikationsbildung und Stimmbildung im Lehramtsstudium. Diese sollten Stimmberatungen und Screenings vor beziehungsweise während des Studiums, curricular verankerte Lehrmodule zu Stimme, Sprechen und Kommunikation sowie kontinuierliche, aufeinander aufbauende Qualifizierungsangebote umfassen. Die Umsetzung durch universitär qualifizierte Expertinnen und Experten aus Sprecherziehung, Sprechwissenschaft und Stimmtherapie kann einen wesentlichen Beitrag zur langfristigen Erhaltung der beruflichen Handlungsfähigkeit, Gesundheit und Unterrichtsqualität von Lehrkräften leisten.


References

[1] Rampelt F, et al. Future Skills 2030. Ein aktualisiertes Framework für Zukunftskompetenzen. Zenodo. 2025 [abgerufen am 16.06.2026]. DOI: 10.5281/zenodo.17910748
[2] Voigt-Zimmermann S. Auswirkungen der heiseren Stimme von Pädagogen auf die Leistungen von Kindern. In: Fuchs M, editor. Die Stimme im pädagogischen Alltag. Berlin: Logos Verlag; 2017. p. 37-47.
[3] Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V. (DGPP), et al. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Störungen der Stimmfunktion (Dysphonien). AWMF-Registernummer: 049-008. AWMF; 2022 [abgerufen am 16.06.2026]. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/049-008
[4] Nusseck M, Immerz A, Spahn C, Echternach M, Richter B. Long-Term Effects of a Voice Training Program for Teachers on Vocal and Mental Health. J Voice. 2021 May;35(3):438-446. DOI: 10.1016/j.jvoice.2019.11.016
[5] Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS) e. V. Forderungspapier: Stimmgesundheit und Kommunikationskompetenz für Lehrkräfte. [abgerufen am 16.06.2026]. Verfügbar unter: https://www.dgss.de/kooperationen/netzwerk-stimmgesundheit