66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie
66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie
Standardisierung der Amyloidosediagnostik beim Karpaltunnelsyndrom: Ein interdisziplinäres Delphi-Konsensuspapier
Text
Fragestellung: Das Karpaltunnelsyndrom (KTS) kann einer kardialen Amyloidose mehrere Jahre vorausgehen. Indikationen zur Gewebegewinnung bei KTS-PatientInnen sowie die anschließende kardiologische und neurologische Abklärung sind bislang jedoch uneinheitlich. Ziel dieser Studie war die Entwicklung eines interdisziplinären Konsenses zu einem praxistauglichen diagnostischen und überweisungsbezogenen Vorgehen zur Amyloidoseerkennung beim KTS.
Methodik: Es wurde eine zweistufige Delphi-Studie mit Expertinnen und Experten aus den Fachbereichen Handchirurgie, Pathologie, Kardiologie/Hämatologie, Neurologie und Wirbelsäulenchirurgie durchgeführt, die über die jeweiligen Fachgesellschaften rekrutiert wurden. In Runde 1 wurden Ausgangspositionen erhoben und Items anhand strukturierter Bewertungen und Freitextkommentare überarbeitet. Die Antworten der zweiten Runde (n=62) wurden anhand einer prädefinierten Konsensschwelle von ≥75% ausgewertet; nicht erreichte Schwellenwerte wurden als fehlender Konsens klassifiziert.
Ergebnisse: Für die beteiligten Fachgebiete konnte ein handlungsorientiertes Vorgehen zur initialen Patientenselektion und intraoperativen Gewebegewinnung konsentiert werden. In der Handchirurgie bestand Konsens darüber, dass bei KTS-PatientInnen eine strukturierte präoperative Risikobewertung für Amyloidose anhand definierter Kriterien erfolgen sollte. Konsens bestand ebenfalls hinsichtlich einer gezielten Anamnese zu muskuloskelettalen und kardialen Warnhinweisen, darunter Spinalkanalstenose, distale Bizepssehnenruptur, schnellender Finger, Vorhofflimmern, Herzschrittmacher, Herzinsuffizienz und positive Familienanamnese. Bei Vorliegen definierter Biopsiekriterien wurde die intraoperative Gewebeentnahme zur histopathologischen Untersuchung als Empfehlung beschlossen. Der Fachbereich Pathologie erzielte Konsens hinsichtlich einer standardisierten Aufarbeitung und Befundung des eingesandten Gewebes. In den Fachbereichen Kardiologie/Hämatologie bestand Konsens zu einer basalen kardialen Diagnostik mit Elektrokardiogramm, transthorakaler Echokardiographie, natriuretischen Peptiden und Troponin. Der Fachbereich Neurologie befürwortete einheitlich die genetische Testung und elektrophysiologische Diagnostik, zudem bestand eine klare Präferenz für die Vorstellung in einem Amyloidosezentrum sowie für strukturierte Verlaufskontrollen.
Schlussfolgerung: Die vorliegende Delphi-Studie definiert interdisziplinär konsentierte Elemente eines diagnostischen Pfades, in dem die Handchirurgie beziehungsweise KTS-Operation als möglicher Einstiegspunkt für die Amyloidoseerkennung fungiert. Die Ergebnisse bieten einen unmittelbar nutzbaren Rahmen für eine standardisierte histopathologische Abklärung und strukturierte weiterführende Diagnostik mit dem Ziel einer früheren Amyloidoseerkennung und koordinierten spezialisierten Versorgung.



