28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
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Grenzen der frühen Wortschatzentwicklung: erste Zeichen des N400-Effekts bei kongenital ertaubten Kindern bereits 10 Monate nach CI-Versorgung
Text
Fragestellung: Der Spracherwerb von kongenital ertaubten Kleinkindern mit Cochlea-Implantaten (CI) ist von einer Phase fehlenden auditiven Inputs, sowie einem höheren Alter beim ersten Sprachkontakt geprägt. Ob sich diese beiden Faktoren negativ aufsummieren oder aber ausgleichen, haben wir in einer früheren elektrophysiologischen Studie untersucht, die den N400-Effekt als neuronalen Marker nutzt, der auch latenten Wortschatz erfasst. Wir stellten fest, dass kongenitale Kinder mit CI schneller einen Wortschatz aufbauen (12 Monate) [1] als bis dato bei normalhörenden (NH) Kindern berichtet (14 Monate) [2]. Hier berichten wir von aktualisierten Daten, die CI-Kinder noch früher nach Implantation betrachten, um die Grenze zu erfassen, ab der sich der Grundwortschatz zeigt.
Methoden: Wir untersuchten drei Gruppen bilateral implantierter CI-Kinder (Implantation < 4 Jahre) 7, 10 und 12 Monate nach Erstanpassung sowie drei NH-Kontrollgruppen im Alter von 10, 12 und 14 Monaten (alle Gruppen jeweils N>20). Somit war ein direkter Vergleich von Gruppen mit identischer Hörerfahrung bei 10 und 12 Monaten möglich. Zur Datenerhebung wurde ein etabliertes Bild-Wort-Paradigma verwendet, das Bilder und dazu kongruente oder inkongruente Wörter präsentiert [3]. Es wurden EEG-Daten von 9 Kopfelektroden erhoben, für die Statistik wurde die Pz mittels Permutationstests ausgewertet. Als Stimuli dienten 44 kindgerechte Bilder und 44 Wörter, die zum frühen kindlichen Wortschatz gehören. Ein signifikant negativerer Amplitudenausschlag in der inkongruenten Bedingung (p < 0.05) wurde als N400-Effekt und Indikator erfolgreichen Wortschatzerwerbs gewertet.
Ergebnisse:
CI-Kinder: Mit 10 und 12 Monaten Hörerfahrung konnte ein signifikanter N400-Effekt nachgewiesen werden, sowohl für die Gesamtgruppe als auch für die Untergruppe der kongenital ertaubten Kinder. Mit 7 Monaten Hörerfahrung wiesen nur Kinder mit erworbener Taubheit einen N400-Effekt auf.
NH-Kinder: Mit 12 Monaten wurde ein noch schwacher, aber signifikanter N400-Effekt beobachtet, der mit 14 Monaten noch stärker ausgeprägt war.
Schlussfolgerungen: Die vorliegenden Daten zeigen, dass kongenital ertaubte Kinder mit Cochlea-Implantat bereits nach etwa 10 Monaten Hörerfahrung einen signifikanten neuronalen Marker des Wortschatzerwerbs (N400) aufweisen. Damit liegt der Zeitpunkt des Wortschatzaufbaus trotz vorangegangener auditiver Deprivation früher als bei normalhörenden Kindern, bei denen ein vergleichbarer Effekt erst nach 12–14 Monaten beobachtet wird. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass ein höheres Lebensalter zum Zeitpunkt des ersten auditiven Inputs – und die damit verbundene kognitive Reife – den frühen Wortschatzerwerb bei CI-Kindern begünstigt und die anfängliche Verzögerung teilweise kompensiert.
References
[1] Vavatzanidis NK, Mürbe D, Friederici AD, Hahne A. Establishing a mental lexicon with cochlear implants: an ERP study with young children. Sci Rep. 2018 Jan 17;8(1):910. DOI: 10.1038/s41598-017-18852-3[2] Friedrich M, Friederici AD. Maturing brain mechanisms and developing behavioral language skills. Brain Lang. 2010 Aug;114(2):66-71. DOI: 10.1016/j.bandl.2009.07.004
[3] Friedrich M, Friederici AD. Lexical priming and semantic integration reflected in the event-related potential of 14-month-olds. Neuroreport. 2005 Apr 25;16(6):653-6. DOI: 10.1097/00001756-200504250-00028



