66. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie e. V.
66. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie e. V.
Diskrepanz zwischen Leitlinie und klinischer Versorgung beim Hodentumor im Frühstadium: multizentrische Befragung zur aktuellen Behandlungspraxis
Text
Einleitung: Frühe Stadien des Hodentumors sind mit exzellenten Heilungsraten assoziiert. Eine Übertherapie der Patienten kann jedoch mit relevanter Langzeittoxizität einhergehen. Aktuelle Leitlinien zielen darauf ab, das Rezidivrisiko sowie die therapiebedingte Morbidität sorgfältig abzuwägen. In welchem Ausmaß diese Empfehlungen im klinischen Alltag spezialisierter Hodentumorzentren umgesetzt werden, ist bislang nur unzureichend untersucht.
Methode: Eine strukturierte 17-Item-Umfrage wurde an 59 urologische, uro-onkologische und strahlentherapeutische Experten mit Spezialisierung auf Hodentumoren (Mitglieder der Deutschen Hodentumorstudiengruppe GTCSG und Unikliniken) in Deutschland und der Schweiz versendet. Erfasst wurden diagnostische und therapeutische Strategien beim tumormarker-negativen (S0) Seminom und Nicht-Seminom (NSGCT) im klinischen Stadium (cS) I und cSIIA. Schwerpunkte bildeten eingesetzte Staging-Verfahren, Indikationen zur Wiederholung der Bildgebung sowie therapeutische Entscheidungen. Die statistische Auswertung erfolgte deskriptiv und mittels Chi-Quadrat-Test.
Ergebnisse: 53 Fragebögen (89,8%) wurden ausgewertet. Trotz leitlinienbasierter Empfehlung zur Active Surveillance führten 52,9% der Zentren bei Patienten mit Seminom im cSI und Risikofaktoren eine adjuvante Therapie durch. Beim NSGCT im cSI wurde eine risikounabhängige Active Surveillance immer lediglich in 11,5% der Fälle angewendet, obwohl diese Option leitlinienkonform ist.
Beim Seminom im cSIIA führten 43,4% der Zentren vor Therapiebeginn regelhaft eine erneute Bildgebung durch, obwohl dieses Vorgehen nicht vollständig leitliniengestützt ist. Im Gegensatz dazu wiederholten nur 31,4% der Zentren beim NSGCT im cSIIA konsequent die Bildgebung, trotz expliziter Leitlinienempfehlung.
Therapieentscheidungen nach Re-Staging orientierten sich überwiegend an der Lymphknotenprogression (≥20% Größenzunahme). Der Einsatz zusätzlicher Biomarker wie microRNA-371 wurde nur in einer Minderheit der Zentren berichtet.
Schlussfolgerung: Zwischen den Leitlinienempfehlungen und aktueller klinischer Versorgungspraxis bestehen relevante Diskrepanzen in der Behandlung früher Hodentumorstadien. Ein leitliniengerechtes restriktives Vorgehen ist essenziell zur Vermeidung von Übertherapie und sollte stringenter umgesetzt werden. Die vorliegenden Daten legen nahe, dass die wiederholte Bildgebung beim Seminom im cSIIA eine praktikable Deeskalationsstrategie darstellen könnte und perspektivisch einheitlich in zukünftige Leitlinien integriert werden sollte.



