Deutscher Rheumatologiekongress 2026
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Klinische Phänotypen, Therapiestrategien und Prädiktoren der Therapieeskalation rheumatischer irAEs: Reale Versorgungsdaten aus dem multizentrischen ERIN-Register
Text
Einleitung: Rheumatische immunvermittelte Nebenwirkungen (rh-irAEs) gewinnen durch die zunehmende Anwendung von Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICIs) an klinischer Relevanz und stellen eine Herausforderung an der Schnittstelle von Onkologie und Rheumatologie dar. Das im Jahr 2024 am LMU Klinikum etablierte multizentrische ERIN-Register (Evaluation rheumatischer immunvermittelter Nebenwirkungen) umfasst 13 Studienzentren und verfügt über einen wissenschaftlichen Beirat. Das Register liefert versorgungsnahe Daten zur Charakterisierung klinischer Phänotypen, Krankheitsverläufe und Therapiestrategien bei rh-irAEs.
Methoden: Im prospektiv-retrospektiven ERIN-Online-Register wurden Patient*innen ≥18 Jahre mit rh-irAEs unter ICI-Therapie eingeschlossen und vordefinierten Phänotypen zugeordnet. Analysiert wurden Latenzzeiten bis zur Manifestation einer rh-irAE, Therapiestrategien sowie phänotypspezifische Eskalationsraten zur glukokortikoid-sparenden Immunmodulation und prädiktive Faktoren für Therapieeskalation und rheumatologisches Outcome (univariat).
Ergebnisse: Es wurden 77 Patient*innen eingeschlossen (männlich 51,9%; Medianalter 65 Jahre). Häufigste maligne Erkrankung war das maligne Melanom (40,3%). 71,4% erhielten PD-1-Monotherapie, 15,6% CTLA-4/PD-1-Kombination. Häufigste rh-irAE war die Rheumatoide-Arthritis(RA)-ähnliche Polyarthritis (44,2%), gefolgt von Polymyalgia-rheumatica(PMR)-ähnlichen Syndromen (16,9%) und periphere-Spondyloarthritis(SpA)-ähnlichen Manifestation (10,4%). Die mediane Latenz betrug 7,2 Monate (Interquartilsabstand [IQR] 3,2–16,4); PMR-ähnliche Syndrome und Vaskulitiden traten früh auf (4,9 bzw. 3,5 Monate), während RA-ähnliche Polyarthritis und periphere SpA später auftraten (12,0 bzw. 11,2 Monate).
Glukokortikoide wurden bei 84,4% eingesetzt; 58,4% waren steroidrefraktär. Häufigste Zweitlinientherapie war Methotrexat (56,8%), gefolgt von Tumornekrosefaktor (TNF)- und Interleukin-6-Rezeptor-(IL-6R)-Inhibitoren (je 13,6%). Die Eskalationsrate war phänotypabhängig und am höchsten bei peripherer SpA (87,5%), gefolgt von RA-ähnlichen (55,9%) und PMR-ähnlichen Manifestationen (53,8%).
Unter CTLA-4/PD-1-Kombinationstherapie kam es im Vergleich zur PD-1-Monotherapie häufiger zu einer Hospitalisierung (41,7% vs. 10,8%; OR 5,92; p=0,017). Eine ICI-Beendigung war im Vergleich zur ICI-Fortführung mit höherer Eskalationsrate (72,7% vs. 42,9%; OR 3,56; p=0,033) und ungünstigerem rh-irAEs-Outcome assoziiert (76,2% vs. 93,1%).
Männliches Geschlecht war mit einer Therapieeskalation assoziiert (OR 2,74; p=0,040). Keine/r der 9 Patient/innen mit rheumatologischer Vorerkrankung benötigte eine Eskalation, verglichen mit 63,2% der Patient/innen ohne rheumatologische Vorerkrankung (p<0,001).
Remission der rh-irAE erreichten 34,4%, klinische Verbesserung 54,7%.
Schlussfolgerung: 58,4% der Patient*innen mit rh-irAEs sprachen auf Glukokortikoide nicht ausreichend an und benötigten eine glukokortikoid-sparende Immunmodulation. Latenz und Eskalationsrate variierten phänotypspezifisch. Männliches Geschlecht und der periphere-SpA-Phänotyp waren mit einer Therapieeskalation assoziiert. Diese Daten liefern eine Grundlage für phänotypspezifische Behandlungsstrategien.
Offenlegungserklärung: Keine Interessenskonflikte.
Tabelle 1 [Tab. 1]
Tabelle 1: Baseline-Charakteristika, Therapie und Outcome der Studienpopulation (n = 77)Daten sind als n (%), Median (IQR) oder n angegeben, sofern nicht anders bezeichneta SCLC (n = 2), Mesotheliom (n = 2), DLBCL (n = 1), Vulvakarzinom (n = 1), CLL (n = 1), Angiosarkom (n = 1)b Relatimab (n = 1), Nivolumab/Pembrolizumab sequenziell (n = 1), nicht bekannt (n = 1)c Sarkoidose-ähnliche Reaktion (n = 1), Eosinophile Fasziitis (n = 1), Sicca-Syndrom (n = 1), Kollagenose-ähnliches Syndrom (n = 1)d Definiert als Notwendigkeit einer glukokortikoid-sparenden Immunmodulation aufgrund nicht ausreichenden Ansprechens auf Glukokortikoidee Leflunomid (n = 1), Rituximab (n = 1), Iloprost (n = 1), erneut Prednisolon (n = 3), Chirurgisch: Knie-TEP (n = 1) Abkürzungen: CLL = chronische lymphatische Leukämie; CTLA-4 = Cytotoxic T-Lymphocyte-Associated Protein 4; DLBCL = diffus großzelliges B-Zell-Lymphom; GK = Glukokortikoide; i.a. = intraartikulär; ICI = Immuncheckpoint-Inhibitor; IL-6R = Interleukin-6-Rezeptor; IQR = Interquartilsabstand; irAE = immunvermittelte Nebenwirkung; MTX = Methotrexat; NSCLC = nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom; NSAR = nichtsteroidale Antirheumatika; PD-1 = Programmed Death 1; PD-L1 = Programmed Death-Ligand 1; PMR = Polymyalgia rheumatica; RA = rheumatoide Arthritis; rh-irAE = rheumatische immunvermittelte Nebenwirkung; SCLC = kleinzelliges Lungenkarzinom; SpA = Spondyloarthritis; TNF = Tumornekrosefaktor



