38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
Primäre intravitreale Antibiotikaeingabe versus primäre Vitrektomie bei postinjektionsbedingter Endophthalmitis – eine retrospektive monozentrische Analyse über die letzten 10 Jahre
Text
Ziel: Die Endophthalmitis stellt eine der schwerwiegendsten Komplikationen nach intravitrealer Injektion dar und kann unbehandelt zur Erblindung führen. Therapeutische Optionen sind eine primäre Pars-Plana-Vitrektomie (PPV) mit Antibiotikaeingabe oder eine primäre intravitreale antibiotische Therapie (IVAT), die je nach Verlauf von einer PPV gefolgt sein kann. Ziel dieser Studie war es, das therapeutische Outcome beider Strategien bei Patienten mit postinjektionsbedingter Endophthalmitis zu vergleichen.
Methode: In dieser retrospektiven Kohortenstudie wurden alle Patienten mit postinjektionsbedingter Endophthalmitis und einem Follow-up von mind. 3 Monaten eingeschlossen, die zwischen März 2014 und August 2025 an der Augenklinik und Poliklinik der LMU München behandelt wurden. Die Studienpopulation bestand aus 43 Patienten (25 weiblich, 18 männlich; Alter 72,3±15,8 Jahre, Mittelwert±Standardabweichung), von denen bei 21 das rechte und bei 22 das linke Auge betroffen war. Bei 23 Patienten lag ein Diabetes mellitus vor. Alle Fälle wurden am Tag oder in der Nacht der Diagnosestellung behandelt. Das reguläre Therapieregime bis ca. Juni 2020 beinhaltete intravitreal Vancomycin + Amikacin + Dexamethason und intravenös Imipenem, ab Juni 2020 intravitreal Vancomycin + Ceftazidim + Dexamethason und oral Moxifloxacin. Anhand der digitalen Patientenakte wurden u.a. der Visusverlauf, der Bedarf einer sekundären Vitrektomie, und die Keimnachweisrate untersucht. Für die statistische Analyse wurden Snellen oder dezimale Visuswerte in LogMAR umgerechnet. Die Visusangaben Lichtscheinwahrnehmung, Handbewegung und Fingerzählen wurden nach Moussa et al. (PMID: 33326177) als LogMAR-Werte wiedergegeben.
Ergebnis: Bei 60,5% der Patienten handelte es sich bei der auslösenden intravitrealen Injektion um anti-VEGF, bei 9,3% um ein Steroid (Rest unbekannt). Bei 65,1% bestand eine zugrundeliegende neovaskuläre altersabhängige Makuladegeneration, bei 20,9% ein diabetisches Makulaödem. Zwischen der auslösenden intravitrealen Injektion und dem Symptombeginn lagen 3,8±2,7 Tage, zwischen Symptombeginn und Endophthalmitis-Therapie 1,6±1,4 Tage. Bei 16 Patienten (37,2%) erfolgte eine primäre IVAT, bei 27 Patienten (62,7%) eine primäre PPV. Patienten mit primärer PPV wiesen bei Diagnosestellung häufiger eine Pseudophakie und tendenziell ausgeprägtere Befunde auf (Vorliegen von Hypopion, eingetrübter Cornea oder Augeninnendruckentgleisung, Fehlen von Funduseinblick/-rot). Von den 16 mit primärer IVAT behandelten Patienten erhielten 13 im Verlauf eine PPV. Bei 3 Patienten (18,8%) konnte auf eine PPV verzichtet werden. Zwei dieser Patienten waren bei Diagnosestellung phak. Von den 27 mit primärer PPV behandelten Patienten erfolgte bei 2 Patienten eine zweite PPV. Eine Glaskörper- oder Vorderkammerprobe wurde bei 62,5% der Patienten mit primärer IVAT und bei allen Patienten mit primärer PPV gewonnen. Ein Keimnachweis gelang bei 50,0% der Proben von Patienten mit primärer IVAT und bei 59,3% der Patienten mit primärer PPV. Bei 2 Patienten (PPV-Gruppe) wurden Resistenzen auf therapeutisch angewandte Antibiotika nachgewiesen (auf alle Proben 5,5%). Der Visus bei Diagnosestellung war vor primärer IVAT etwas besser als vor primärer PPV (LogMAR IVAT 2,0±0,7; PPV 2,3±0,3; p=0,01). Bei den Kontrollen nach 1, 3, 6, 12 und 24 Monaten zeigte sich kein Unterschied zwischen beiden Gruppen. Der Visus stieg kontinuierlich an, nach 1 Monat auf je 1,2±0,8 in beiden Gruppen (p=0,98; IVAT n=12; PPV n=18), nach 12 Monaten auf 0,8±0,7 (IVAT n=9) und 1,0±0,7 (PPV n=14; p=0,52) und nach 24 Monaten auf 0,6±0,4 (IVAT n=6) und 0,5±0,4 (PPV n=6; p=0,59).
Schlussfolgerung: Bei sorgfältiger Patientenselektion und zügiger Versorgung ist die primäre IVAT der primären PPV gleichwertig. In einigen Fällen kann bei primärer IVAT auf eine PPV verzichtet werden und bei phaken Patienten eine Katarakt-Operation vermieden oder hinausgezögert werden. Es bedarf größerer multizentrischer Studien, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse dieser Studie zu prüfen.



