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Gesundheit gestalten

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS)
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen

Meeting Abstract

Was bringt Lotsen? Psychosoziale Belastungen und Versorgungssituation von Langzeitarbeitslosen im Verlauf

Maria Koschig - Universität Leipzig, Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Leipzig, Deutschland
Felix Sebastian Hussenoeder - Universität Leipzig, Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Leipzig, Deutschland
Ines Conrad - Universität Leipzig, Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Leipzig, Deutschland
Mathias Alberti - HELIOS Park-Klinikum Leipzig, Leipzig, Deutschland
Katarina Stengler - HELIOS Park-Klinikum Leipzig, Leipzig, Deutschland
Steffi Gerlinde Riedel-Heller - Universität Leipzig, Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Leipzig, Deutschland

Text

Hintergrund: In Deutschland sind jährlich etwas mehr als ein Viertel der Erwachsenen von einer psychischen Erkrankung betroffen. Arbeit und Psyche stehen dabei in wechselseitiger Beziehung. Repräsentative Daten zur psychischen Gesundheit von Menschen im Bürgergeld-Bezug sind jedoch begrenzt. Vorliegende Befunde weisen auf eine deutlich erhöhte Prävalenz psychischer Erkrankungen in dieser Gruppe hin.

Zielsetzung/Fragestellung: Ziel der Studie war die Erfassung der psychischen Belastung und Versorgungssitiation von Menschen im Bürgergeld-Bezug zu Projekteintritt und im Verlauf.

Material & Methoden: Im Rahmen des Projekts LIPSY wurden Personen im Bürgergeld-Bezug mit psychischen Belastungen im Jobcenter rekrutiert und initial anhand von ICD-10 sowie mittels Global Assessment of Functioning (GAF) diagnostiziert. Bei Vorliegen einer psychischen Erkrankung erfolgte der Einschluss (n = 810). Die Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen wurde mit dem FIMPsy erhoben. Zur Erfassung der psychischen Belastung kamen Mini-SCL, PHQ-9 und SF-12 zum Einsatz. Follow-Ups erfolgten nach jeweils sechs Monaten (t1: n = 403; t2: n = 239; t3: n = 235).

Ergebnisse: Die Teilnehmenden (51,2% weiblich; mittleres Alter 36 Jahre) waren überwiegend alleinlebend und häufig von multiplen Belastungen betroffen, darunter Schulden und langjährige Arbeitslosigkeit (durchschnittlich ca. 5 Jahre). Depressive Störungen (60,5%) dominierten, gefolgt von Angst- und Belastungsstörungen (46%). Der mittlere GAF-Wert lag bei 49,6 und weist auf ernsthafte funktionelle Einschränkungen hin. 40,5% der Teilnehmenden hatten in den sechs Monaten vor Projekteintritt keine Versorgung in Anspruch genommen. Trotz erfolgreicher Anbindung an das Versorgungssystem zeigte sich im Verlauf keine relevante Reduktion der psychischen Belastung.

Diskussion: LIPSY zeigt, dass Menschen im Bürgergeld-Bezug eine hochbelastete und schwer erreichbare Risikogruppe mit erheblicher Unterversorgung darstellen. Die persistierende Symptomatik trotz Versorgungsanbindung deutet darauf hin, dass bestehende Angebote die komplexen Bedarfe dieser Zielgruppe nur unzureichend adressieren. Die Anbindung zeigte sich zudem als langwieriger und mühsamer Prozess. Notwendig erscheinen integrierte, multiprofessionelle und niedrigschwellige Versorgungsansätze. Zudem sprechen die Ergebnisse für eine fachliche Unterstützung des Anbindungsprozesses.

Take Home Message für die Praxis: Bürgergeld-Beziehende mit psychischen Erkrankungen sind eine stark belastete, unterversorgte und schwer erreichbare Gruppe, die multiprofessionelle Versorgungsstrategien benötigt.

Interessenkonflikte: Keine