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Gesundheit gestalten

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS)
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen

Meeting Abstract

Masking und Identitätsprozesse bei erwachsenen Autist:innen: eine qualitative Analyse

Lisa Glaum - Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Abteilung Präventions- und Rehabilitationsforschung, Oldenburg, Deutschland
Mathis Wüst - Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, Medizinische Soziologie, Hamburg, Deutschland

Text

Hintergrund: Masking beschreibt Strategien, mit denen autistische Personen ihr Verhalten an neuronormative Erwartungen anpassen, um soziale Ablehnung zu vermeiden. Forschung zeigt Zusammenhänge zwischen Masking, Stigmatisierung und psychischer Belastung. Weniger untersucht ist jedoch, wie Masking Identitätsprozesse beeinflusst.

Zielsetzung/Fragestellung: Diese Studie untersucht, wie erwachsene Autist:innen ihre Identität und Masking im Spannungsfeld von sozialen Erwartungen, Zugehörigkeit und Selbstwahrnehmung verhandeln.

Material & Methoden: Es wurden sieben narrative Interviews mit erwachsenen Autist:innen geführt. Die Rekrutierung erfolgte über soziale Medien. Die Interviews wurden zwischen Juni und Juli 2025 durchgeführt und mittels reflexiver thematischer Analyse nach Braun und Clarke ausgewertet. Zur theoretischen Einordnung der Ergebnisse wurde Breakwells Identity Process Theory genutzt, die Identitätsbildung als dynamischen Prozess zwischen individuellen Handlungsstrategien und sozialen Kontexten beschreibt.

Ergebnisse: Masking wird von den Teilnehmenden als ambivalente Praxis beschrieben. Einerseits ermöglicht es Zugang zu sozialen Räumen, Bildung und Erwerbsarbeit und fungiert damit als Strategie sozialer Teilhabe. Andererseits beeinflusst dauerhaftes Masking zentrale Identitätsprozesse, indem es die Entwicklung von Selbstwirksamkeit, Kontinuität und Selbstwert erschwert. Viele Teilnehmende berichten, dass Masking langfristig zu einer Entfremdung vom eigenen Selbst führt und die Abgrenzung zwischen „Maskierung“ und „authentischer“ Identität erschwert. Eine spätere Autismusdiagnose ermöglicht häufig eine Neubewertung: Masking wird nicht vollständig aufgegeben, sondern selektiver eingesetzt und stärker an eigenen Bedürfnissen orientiert.

Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass Masking nicht ausschließlich als individuelles Coping verstanden werden kann, sondern als sozial eingebettete Praxis, die eng mit gesellschaftlichen Normen, Geschlechterrollen und Erwartungen an soziale Funktionalität verbunden ist.

Take Home Message für die Praxis: Masking beeinflusst nicht nur psychische Belastung, sondern auch Identitätsprozesse autistischer Menschen. Eine medizin- und gesundheitssoziologische Perspektive kann dazu beitragen, Masking als Ergebnis sozialer Erwartungen und struktureller Bedingungen zu verstehen, statt ausschließlich als individuelles Anpassungsverhalten.

Interessenkonflikte: Keine