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70. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V.

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (GMDS)
07.-11.09.2025
Jena

Meeting Abstract

Vom Reha-Wunsch zur Reha-Inanspruchnahme bei Personen 50+ – Ergebnisse aus der prospektiven lidA-Kohortenstudie

Jean-Baptist du Prel - Bergische Universität Wuppertal, Fakultät für Sicherheitstechnik, Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft, Wuppertal, Germany
Diana Wahidie - Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit (Department für Humanmedizin), Witten, Germany
Jürgen Breckenkamp - Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG3 Epidemiologie und International Public Health, Bielfeld, Germany
Patrick Brzoska - Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit (Department für Humanmedizin), Witten, Germany

Text

In Deutschland muss der Rehabilitationsantrag von Personen bei medizinischem Rehabilitationsbedarf selbst gestellt werden. Daher kann dem Reha-Wunsch in Bezug auf die tatsächliche Reha-Teilnahme ein hoher Stellenwert zukommen. Dies trifft insbesondere bei Personen im Alter 50+ hinsichtlich der Frage eines längeren Erwerbsverbleibs in einer alternden Gesellschaft zu. Allerdings gibt es bislang nur wenige Studien zum Zusammenhang zwischen Reha-Wunsch und -Inanspruchnahme bei über 50-Jährigen. Um diese Lücke zu schließen wird zunächst untersucht, welcher prognostischer Wert dem Reha-Wunsch bei den über 50-Jährigen unter Berücksichtigung von Drittvariablen in Bezug auf die Reha-Inanspruchnahme zukommt. Nachdem eine vorangegangene Rehabilitationserfahrung bereits als starker Prädiktor für eine nachfolgende Rehabilitationsteilnahme identifiziert wurde [1], wird zudem untersucht, welche Faktoren bei Personen ohne vorangegangene Rehabilitationserfahrung aber mit Reha-Wunsch die Chance einer Reha-Inanspruchnahme beeinflussen.

Datengrundlage bildeten 2748 sozialversicherte Studienteilnehmende der Jahrgänge 1959 und 1965 aus der 3. (2018) und 4. Welle (2022/2023) der lidA(leben in der Arbeit)-Kohortenstudie. Die zufällige Stichprobenziehung erfolgte bundesweit aus den Daten der Integrierten Erwerbsbiographie der Bundesagentur für Arbeit. Erhoben wurden der Reha-Wunsch sowie soziodemographische Merkmale, Angaben zur subjektiven Gesundheit (SF12) und Arbeitsfähigkeit (WAI 2) in Welle 3 und die Reha-Teilnahme in den vergangenen vier Jahren (Welle 3 und 4). In die Subgruppenanalyse der zweiten Fragestellung gingen zudem Angaben zur Erkrankungsart, zu Erwartungen an die Reha und einer vorangegangenen Reha-Empfehlung ein. Die Analyse erfolgte mittels Cramer’s V und multipler logistischer Regressionsanalyse. Selektionseffekten wurden mittels Gewichtung begegnet.

Personen mit Reha-Wunsch nahmen in den folgenden vier Jahren häufiger an einer medizinischen Reha teil als Personen ohne Reha-Wunsch (27,1 vs. 12,7%; p<0,001). Die Chance einer Reha-Teilnahme bei denen mit Reha-Wunsch lag vor Adjustierung für Kovariaten bei einer OR von 2,55 (95%-KI: 2,24-2,90) und nach Adjustierung bei 1,58 (95%-KI: 1,36-1,84). Prädiktiv für eine Reha-Inanspruchnahme waren zudem eine vorangegangene Reha-Teilnahme (OR: 2,71; 95%-KI: 2,33-3,17), ein schlechter subjektiver Gesundheitszustand (OR: 2,49; 95%-KI: 2,02-3,08), eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit (OR: 1,48; 95%-KI: 1,27-1,72) und ein geringer Bildungsgrad (OR: 1,24; 95%-KI: 1,01-1,53). Eine G1-Migrationsgeschichte ging mit einer verminderten Reha-Teilnahmechance einher (OR: 0,74; 95%-KI: 0,56-0,99). Personen mit Reha-Wunsch aber ohne vorangegangene Rehabilitationsteilnahme nahmen seltener eine Reha in Anspruch (19,7%) als die mit Rehabilitationsteilnahme (s.o.). Bei denen mit Reha-Wunsch ohne vorangegangene Rehabilitationsteilnahme erwiesen sich neben subjektiver Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und G1-Migrationsgeschichte eine vorausgegangene Reha-Empfehlung (OR: 1,74; 95%-KI: 1,31-2,30) und ihre Erwartungen bezüglich der Reha als signifikante Prädiktoren. Dabei zeigten diejenigen mit Erwartung einer verbesserten Arbeitsfähigkeit (OR: 2,14; 95%-KI: 1,36-3,37) oder Gesundheit (OR: 1,54; 95%-KI: 1,01-2,35) nach Reha eine höhere Teilnahmechance als die, welche sich primär Stressreduktion bzw. Erholung versprachen.

Erwartungsgemäß erwiesen sich der Reha-Wunsch wie auch eine vorangegangene Reha-Erfahrung als signifikante Prädiktoren für eine spätere Reha-Inanspruchnahme. Dabei ist der Reha-Wunsch offenbar nicht ganz unabhängig von anderen signifikanten Einflussgrößen wie subjektiver Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und geringer Bildung. Die Beobachtung, dass die Erwartung an den Reha-Erfolg auch unabhängig von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit die Reha-Teilnahmechance erhöht, stimmt mit bestehendem Kenntnisstand überein [2], [3].

Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit zur Aufklärung über den Nutzen von medizinischer Rehabilitation, da der Reha-Wunsch und die Erwartung an den Reha-Erfolg die Reha-Teilnahmechancen erhöhen.

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren geben an, dass ein positives Ethikvotum vorliegt.


Literatur

[1] Mohnberg I, Spanier K, Peters E, Radoschewski FM, Bethge M. Determinanten für intendierte Anträge auf medizinische Rehabilitation bei vorangegangenem Krankengeldbezug. Rehabilitation. 2016;55(02):81-87. DOI: 10.1055/s-0042-100588
[2] Petrie KJ, Weinmann J. Why illness perception matter. Clinical Medicine. 2006;6:536-539. DOI: 10.7861/clinmedicine.6-6-536
[3] Spanier K, Mohnberg I, Peters E, Michel E, Radoschewski M, Bethge M. Motivationale und volitionale Prozesse im Kontext der Beantragung einer medizinischen Rehabilitationsleistung. Psychother Psych Med. 2016;66(06):242-248. DOI: 10.1055/s-0042-106288