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42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
16.-19.09.2026
Starnberg

Vortrag

Korrelationen zwischen Art der Hörstörung und der genetischen Mutationen bei Kindern mit einer Hörstörung

K. Melzer - Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Schwerpunkt Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland
M. Reissig - Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Schwerpunkt Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland
B. Hackenberg - Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Schwerpunkt Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland
L. Holthöfer - Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Humangenetik, Mainz, Deutschland
J. Winter - Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Humangenetik, Mainz, Deutschland
A. K. Läßig - Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Schwerpunkt Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland

Zusammenfassung

Hintergrund: Genetische Ursachen kommen bis zu 50% bei angeborenen Hörstörungen vor. Davon sind ungefähr 70% nicht-syndromaler und 30% syndromaler Genese. Ansonsten sind andere Ursachen wie Neugeborenen-Infektionen z.B. mit CMV zu diskutieren. Neben der pädaudiologischen Diagnostik zur frühzeitigen optimalen Versorgung ist die Ursachenklärung einer kindlichen Hörstörung für den Behandlungserfolg relevant, teilweise auch therapieentscheidend, dennoch nicht klinischer Standard. Die Möglichkeit durch eine humangenetische Abklärung früh Komorbiditäten zu erkennen, ggf. präventive Maßnahmen zu ergreifen, ist gerade bei syndromalen Hörstörungen anzustreben.

Material und Methode: In einer retrospektiven, monozentrischen Analyse im Zeitraum von 2011 bis 2024 wurden die genetischen Befunde von insgesamt 481 Kindern mit einer Hörstörung mittels Stufendiagnostik untersucht. Weitere erhobene Parameter waren das Geschlecht sowie die Art und der Schweregrad der Hörstörung. Es erfolgte eine Korrelation der Hörstörungen mit den genetischen Befunden.

Ergebnisse: Insgesamt wiesen 360 Kinder im Alter zwischen 3 Monate und 18 Jahre eine beidseitige Schwerhörigkeit und 121 Kinder eine einseitige Hörstörung auf. Dabei zeigte sich ein genetisch auffälliger und krankheitsverursachender Befund signifikant häufiger bei Kindern mit beidseitiger Hörstörung (50%; n=180) als bei den Kindern mit einseitiger Hörstörung (4%; n=5). Der Anteil der genetischen Befunde mit einer Variante unklarer Signifikanz (VUS) war bei den einseitigen Hörstörungen deutlich höher (15%; n=18) als bei Kindern mit beidseitiger Hörstörung (7%; n=25).

Schlussfolgerung: Eine genetische Testung sollte ein fester Bestandteil der Standarddiagnostik bei bleibenden kindlichen Hörstörungen sein und so früh wie möglich durchgeführt werden, wenn keine andere kausale Ursache vorliegt. Bei VUS (Pathogenitätsstufe 3) sollte stets eine Segregationsanalyse der Eltern angestrebt werden, um unklare oder neue Varianten hinsichtlich ihrer Pathogenität beurteilen zu können. In unserer Analyse zeigte sich bei Kindern mit beidseitigem Hörverlust in etwa 50% der Fälle eine genetische Ursache und bei Kindern mit einseitigem Hörverlust bei etwa 5–8 %. Zukünftige Behandlungen, insbesondere die Gen- und Stammzelltherapie, bieten neue kurative Ansätze und präventive Maßnahmen für mögliche Komorbiditäten (v.a. bei syndromalen Erkrankungen). Genetische Befunde können die Behandlung beeinflussen, z.B. Hörgerät vs. Cochlea-Implantat (insbesondere im Hinblick auf abschätzbare Progredienzen).

Text

Hintergrund

Genetische Ursachen kommen bis zu 50% bei angeborenen Hörstörungen vor. Davon sind ungefähr 70% nicht-syndromaler und 30% syndromaler Genese [1]. Ansonsten sind andere Ursachen wie Neugeborenen-Infektionen z.B. mit CMV zu diskutieren [2]. Neben der pädaudiologischen Diagnostik zur frühzeitigen optimalen Versorgung ist die Ursachenklärung einer kindlichen Hörstörung für den Behandlungserfolg relevant, teilweise auch therapieentscheidend, dennoch nicht klinischer Standard. Die Möglichkeit durch eine humangenetische Abklärung früh Komorbiditäten zu erkennen, ggf. präventive Maßnahmen zu ergreifen, ist gerade bei syndromalen Hörstörungen anzustreben.

Material und Methoden

In einer retrospektiven, monozentrischen Analyse im Zeitraum von 2011 bis 2024 wurden die genetischen Befunde von insgesamt 481 Kindern mit Hörstörungen mittels Stufendiagnostik untersucht. Weitere erhobene Parameter waren das Geschlecht, sowie die Art und der Schweregrad der Hörstörung. Es erfolgte eine Korrelation der Hörstörungen mit genetischen Befunden.

Ergebnisse

Von den insgesamt 481 schwerhörigen Kindern im Alter von 3 Monaten bis 18 Jahren waren 52% (n = 251) Jungen und 48% (n = 230) Mädchen. Insgesamt zeigten 54,3 % der Kinder (n = 261) einen auffälligen genetischen Befund. Ein genetisch auffälliger Befund trat signifikant häufiger bei Mädchen (52,87%; n= 138) als bei Jungen (47,13%; n = 123) auf (Χ² = 5,85; p = 0,016). Insgesamt wiesen 38,46% (n = 185) eine Pathogenitätsstufe 4 oder 5 auf, jedoch ohne signifikante Geschlechterverteilung (Χ² = 2,57; p = 0,109).

Bei Analyse des Alters zum Zeitpunkt der Blutentnahme in Korrelation mit einem genetisch auffälligen Befund ergab sich bis zum 2. Lebensjahr ein höherer Anteil der krankheitsverursachenden Genmutationen (zwischen 48–59%) und auch erhöhter Anteil syndromaler Genmutationen bis zum 3. Lebensjahr, davon ca. 13% der Kinder vor dem 1. Geburtstag, ca. 25% der 1-Jährigen, ca. 19% der 2-Jährigen und ca. 18% der 3-Jährigen. 121 Kinder (25,16%) hatten eine einseitige Hörstörung und davon 31% (n= 37) einen auffälligen genetischen Befund, allerdings war nur bei 3% (n= 4) dieser genetische Befund mit einer Pathogenitätsstufe 4 oder 5 krankheitsverursachend und dieser Anteil war signifikant höher bei den symmetrischen Hörstörungen als bei den asymmetrischen Hörstörungen (Χ² = 92,3; p <0,001).

Diskussion

Die bisherige Literatur zeigt eine Vielzahl an wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema angeborene bzw. kongenitale Hörstörungen, jedoch oft weniger Daten zur genetischen Ätiologie von Hörstörungen, die zu einem späteren Zeitpunkt im Kindesalter manifest werden. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte haben sich die Datenbanken der mit Hörstörungen assoziierten Gene immer mehr erweitert, so lag regional am Institut für Humangenetik der Unimedizin Mainz die Anzahl der zu untersuchenden Gene bei über 320 (Stand September 2025). Dem klinischen Versorgungsbezug von Hörstörungen im Kindesalter wurde dabei weniger Aufmerksamkeit gewidmet. In einigen wenigen Studien, in denen Kinder mit einer Hörstörung nach ihrer Ätiologie untersucht wurden, liegt der Anteil der genetisch auffälligen Kinder zwischen 48 und 66% [3], [4], [5]. Bei Kindern mit einer einseitigen Hörstörung finden sich als Ätiologie auch genetische Ursachen, auch wenn diese stets nur mit einem geringen Anteil von n = 5 bis 8 angegeben werden [6], [7], [8].

Schlussfolgerung

Eine genetische Testung sollte ein fester Bestandteil der Standarddiagnostik bei bleibenden kindlichen Hörstörungen sein und so früh wie möglich durchgeführt werden, wenn keine andere kausale Ursache vorliegt. Bei Nachweis einer Variante unklarer Signifikanz (variant of uncertain significance, VUS; Pathogenitätsstufe 3) sollte eine Segregationsanalyse der Eltern angestrebt werden, um unklare oder neue Varianten hinsichtlich ihrer Pathogenität beurteilen zu können. In unserer Analyse zeigte sich bei Kindern mit beidseitigem Hörverlust in etwa 50% der Fälle eine genetische Ursache und bei Kindern mit einseitigem Hörverlust bei etwa 5–8%. Zukünftige Behandlungen, insbesondere die Gen- und Stammzelltherapie, bieten neue kurative Ansätze und präventive Maßnahmen für mögliche Komorbiditäten (v.a. bei syndromalen Erkrankungen). Genetische Befunde können die Behandlung beeinflussen, z.B. Hörgerät vs. Cochlea-Implantat (insbesondere im Hinblick auf abschätzbare Progredienzen).


Literatur

[1] Kubisch C. Genetische Grundlagen nichtsyndromaler Hörstörungen. Dtsch Arztebl International. 2005;102(43):7054.
[2] Alkoby-Meshulam L, Rosenthal-Shtern D, Snapiri O, Levy D, Sachs N, Sokolov M, Bilavsky E. Unilateral Sensorineural Hearing Loss in Congenital Cytomegalovirus Retrospective Observational Study. Pediatr Infect Dis J. 2025 Mar 1;44(3):234-38. DOI: 10.1097/INF.0000000000004574
[3] Carlson RJ, Walsh T, Mandell JB, Aburayyan A, Lee MK, Gulsuner S, Horn DL, Ou HC, Sie KCY, Mancl L, Rubinstein J, King MC. Association of Genetic Diagnoses for Childhood-Onset Hearing Loss With Cochlear Implant Outcomes. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg. 2023 Mar 1;149(3):212-22. DOI: 10.1001/jamaoto.2022.4463
[4] Xiang J, Jin Y, Song N, Chen S, Shen J, Xie W, Sun X, Peng Z, Sun Y. Comprehensive genetic testing improves the clinical diagnosis and medical management of pediatric patients with isolated hearing loss. BMC Med Genomics. 2022 Jun 27;15(1):142. DOI: 10.1186/s12920-022-01293-x
[5] Reda Del Barrio S, García Fernández A, Quesada-Espinosa JF, Sánchez-Calvín MT, Gómez-Manjón I, Sierra-Tomillo O, Juárez-Rufián A, de Vergas Gutiérrez J. Genetic diagnosis of childhood sensorineural hearing loss. Acta Otorrinolaringol Esp (Engl Ed). 2024 Mar-Apr;75(2):83-93. DOI: 10.1016/j.otoeng.2023.07.002
[6] van Beeck Calkoen EA, Engel MSD, van de Kamp JM, Yntema HG, Goverts ST, Mulder MF, Merkus P, Hensen EF. The etiological evaluation of sensorineural hearing loss in children. Eur J Pediatr. 2019 Aug;178(8):1195-1205. DOI: 10.1007/s00431-019-03379-8
[7] Lee CY, Lin PH, Chiang YT, Tsai CY, Yang SY, Chen YM, Li CH, Lu CY, Liu TC, Hsu CJ, et al. Genetic Underpinnings and Audiological Characteristics in Children with Unilateral Sensorineural Hearing Loss [Preprint]. medRxiv. 2022 Dec 20. 4. DOI: 10.1101/2022.12.16.22283544
[8] Johansson M, Karltorp E, Asp F, Berninger E. A Prospective Study of Genetic Variants in Infants with Congenital Unilateral Sensorineural Hearing Loss. J Clin Med. 2023 Jan 7;12(2):495. DOI: 10.3390/jcm12020495