42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Online-Kleingruppentherapie vs. Standard-Einzeltherapie bei Sprachentwicklungsstörungen: Perspektiven von Eltern und Therapeut:innen in der THEON-Studie
Zusammenfassung
Hintergrund: Ressourcenknappheit und Fachkräftemangel gefährden die logopädische Versorgung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen (SES) und führen zu langen Wartezeiten. Wirksame alternative Therapiesettings wie Kleingruppen- oder Online-Therapie können die Situation entschärfen. Für ihre erfolgreiche Implementierung müssen jedoch Bedarfe, Barrieren und förderliche Faktoren identifiziert werden.
Material und Methoden: Im Rahmen der randomisiert-kontrollierten Studie THEON zur Effektivität einer Online-Kleingruppen-Therapie im Vergleich zur Standard-Einzel-Präsenztherapie wurde eine begleitende Prozessevaluation durchgeführt. Hierzu wurden Eltern und Sprachtherapeut:innen zu ihren Erfahrungen mit den jeweiligen Therapiesettings befragt. Ergänzend wurden Ressourcenverbräuche (u.a. Zeitaufwände und Therapieausfälle) erhoben.
Ergebnisse: In der Rekrutierungsphase äußerten Eltern Vorbehalte gegenüber dem alternativen Therapiesetting. Sie befürchteten eine geringere individuelle Förderung in der Kleingruppe sowie Konzentrationsprobleme im Online-Format. Diese Bedenken konnten im Therapieverlauf jedoch überwiegend ausgeräumt werden. Für die Therapeut:innen erforderte das Online-Kleingruppenformat neue Kompetenzen im Umgang mit der Gruppendynamik und die Erstellung von geeignetem digitalem Therapiematerial. Die Gruppen umfassten in der Regel zwei bis drei Kinder. Der Vor- und Nachbereitungsaufwand pro Gruppentherapie war etwas höher, pro Kind jedoch etwas geringer als in der Präsenz-Einzeltherapie. Technische Probleme traten selten auf. Bei Bedarf wurden Leihtablets bereitgestellt. Die Eltern konnten im Online-Setting erfolgreich in die Therapie eingebunden werden. Die klinische Auswertung zeigte nach 12 und 18 Monaten eine hohe Wirksamkeit der Online-Kleingruppentherapie.
Fazit: Die Ergebnisse der begleitenden Prozessevaluation zeigen, dass die Online-Kleingruppentherapie grundsätzlich praktikabel und ressourcenschonend umgesetzt werden kann. Die Einzel-Präsenztherapie sollte nicht länger als Goldstandard von SES-Therapie gelten. Stattdessen erscheint eine stärkere Integration von Online- Kleingruppenformaten in die Regelversorgung sinnvoll, wofür jedoch eine erhöhte Akzeptanz erforderlich ist.
Text
Hintergrund
Die logopädische Versorgung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen (SES; F80) in Deutschland ist durch Fachkräftemangel, regionale Versorgungsunterschiede und häufige Therapieausfälle zunehmend belastet. Wartezeiten von bis zu einem Jahr oder länger sind keine Seltenheit. Alternative Therapiesettings wie Kleingruppen-Präsenz-, Online-Einzel- oder Online-Kleingruppentherapie könnten die Versorgungslage verbessern und zu einer effizienteren Ressourcennutzung beitragen. Dennoch werden diese Therapiesettings bislang nur selten eingesetzt [1]. Auch die während der COVID-19-Pandemie vermehrt genutzte Online-Einzeltherapie spielt im sprachtherapeutischen Alltag inzwischen wieder eine deutlich geringere Rolle [2]. Für die erfolgreiche Implementierung alternativer Therapiesettings sind Erkenntnisse zu deren Akzeptanz, Umsetzbarkeit sowie zu förderlichen und hemmenden Faktoren erforderlich. Dafür sind Befragungen von Eltern und Fachkräften notwendig, die Erfahrungen mit den alternativen Therapiesettings gesammelt haben. Auf dieser Grundlage können Konzepte entwickelt werden, die die Akzeptanz bei Eltern und Fachkräften fördern und so die Implementierung ressourcenschonender Versorgungsformen im sprachtherapeutischen Alltag unterstützen.
Material und Methoden
In der vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses geförderten randomisierten, kontrollierten Studie THEON (RCT) zur Wirksamkeit einer Online-Intervall-Kleingruppentherapie für Kinder mit umschriebenen Sprachentwicklungsstörungen (Förderkennzeichen 01VSF21025) wurden neben einer klinischen Evaluation eine gesundheitsökonomische Evaluation sowie eine Prozessevaluation durchgeführt [3]. Kinder in beiden randomisiert zugeordneten Behandlungssettings (Online-Intervall-Kleingruppen- und Standard-Einzel-Präsenztherapie) erhielten jeweils 30 sprachtherapeutische Therapieeinheiten à 45 Minuten. Die Therapie erfolgte in beiden Gruppen leitlinienkonform. Im Rahmen der gesundheitsökonomischen Evaluation wurden während der Interventionsphase u.a. Zeitaufwände, Therapieausfälle und Kosten für die Online-Kleingruppentherapie und die Standard-Einzel-Präsenztherapie erhoben. Nach Abschluss der Therapiephase wurden zusätzlich die Erfahrungen von Eltern und Therapeut:innen mithilfe von Fragebögen erfasst.
Ergebnisse
In der Rekrutierungsphase zeigten sich Eltern gegenüber dem alternativen Therapiesetting zunächst skeptisch. Sie befürchteten vor allem, dass ihre Kinder zu wenig individuelle Aufmerksamkeit erhalten könnten und dadurch geringere Fortschritte erzielen würden. Auch wurden Bedenken bezüglich der Konzentrationsfähigkeit und der Bildschirmzeit geäußert. Diese Skepsis konnte im Laufe der Therapie meist abgebaut werden. Für die Therapeut:innen erforderte die Umstellung auf das Online-Kleingruppenformat eine Erweiterung der therapeutischen Kompetenz in Bezug auf die Gruppendynamik. Auch fehlte es zunächst an geeignetem Therapiematerial, eine Hürde, die im Laufe der Interventionsphase überwunden werden konnte. Die Gruppengröße betrug in der Regel zwei oder drei Kinder.
Die Vor- und Nachbereitungszeiten waren im Online-Kleingruppen-Format auf das einzelne Kind bezogen etwas geringer als in der Präsenz-Einzeltherapie. Technische Probleme waren selten und meist geringfügig; bei unzureichender Hardware wurde den Familien ein Tablet zur Verfügung gestellt. Das Lernklima war teilweise durch häusliche Störfaktoren beeinträchtigt. Im Online-Setting ist die Anwesenheit der Eltern erforderlich. Je nach Alter des Kindes waren die Eltern direkt in der Therapie mit eingebunden oder sie beobachteten das Geschehen im Hintergrund. Die klinische Auswertung zeigte 12 und 18 Monate nach Therapiebeginn eine deutliche Überlegenheit der Online-Kleingruppentherapie gegenüber der Standard-Einzel-Präsenztherapie in fast allen linguistischen Bereichen.
Diskussion
Trotz bestehender Vorbehalte von Eltern und Sprachtherapeut:innen gegenüber der Online-Sprachtherapie, insbesondere in Kleingruppen, zeigt die klinische Auswertung, dass die Online-Kleingruppentherapie sehr wirksam ist. Die Therapeut:innen mussten sich zunächst in das Online-Kleingruppenformat einarbeiten, wobei sowohl Barrieren als auch förderliche Faktoren für eine erfolgreiche Implementierung identifiziert wurden. Die anfänglich längeren Vorbereitungszeiten waren vor allem auf fehlendes Online-Therapiematerial und eine Eingewöhnungszeit zurückzuführen und nahmen im Verlauf ab. Eine leitlinienkonforme und kindzentrierte Therapie war auch im Online-Kleingruppenformat gut möglich. Die Kinder fühlten sich im Gruppenkontext überwiegend wohl und bevorzugten beispielsweise bei einem Nachholtermin am Ende eines Therapieblocks die gemeinsame Therapiesitzung in einer anderen Gruppe gegenüber einer Einzeltherapie. In fast allen Fällen reichte die vorhandene Hardware in den Familien aus, um an einer Online-Therapie teilzunehmen. Nur vereinzelt entstanden geringe zusätzliche Kosten für die Familien durch die Anschaffung von Bastelmaterial. Dafür entfielen im Online-Format die Mobilitätskosten für die An- und Abfahrt zur Praxis. Bei einer Überführung des Online-Formats in die Regelversorgung müsste die Bereitstellung von Leihtablets für die wenigen Familien ohne geeignete Endgeräte geregelt werden. Eine weitere Hürde ist die aktuell geringere Vergütung von Therapien in Dreiergruppen im Vergleich zu einer Zweiergruppe.
Fazit
Die Einzel-Präsenztherapie sollte nicht länger als alleiniger Goldstandard der Sprachtherapie bei Kindern mit SES gelten. Stattdessen erscheint eine stärkere Integration von Online- und Kleingruppenformaten in die Regelversorgung sinnvoll. Dafür bedarf es einer höheren Akzeptanz bei Eltern und Therapeut:innen sowie einer angemessenen, nach Gruppengröße gestaffelten Vergütung der Kleingruppentherapie.
Literatur
[1] Waltersbacher A. Heilmittelbericht 2023/2024. Ergotherapie, Sprachtherapie, Physiotherapie, Podologie. Berlin: WIdO - Wissenschaftliches Institut der AOK; 2024.[2] Leder S. Die Versorgungssituation in der ambulanten Logopädie - Der Umgang mit Therapieplatzvergabe und Wartezeiten in der logopädischen Praxis. In: 53. dbl-Kongress; 23.-24. Mai 2025; Bremen.
[3] Heiland A, Siemons-Lühring D, Speckemeier C, Klaar L, Treger P, Sonntag K, Scharpenberg M, Tücke J, Neusser S, Brannath W, Mathmann P, Voss T, Neumann A, Rieger T, Heiming-Al Yosef J, Hesping A, Kanaan O, Weber M, Alfakiani S, Parfitt R, Hörner L, Shahpasand S, Gietmann C, Neumann K. Effectiveness of an online interval group therapy for children with developmental language disorders: protocol for a randomised controlled intervention study. BMJ Open. 2026 Apr 24;16(4):e099997. DOI: 10.1136/bmjopen-2025-099997



