42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Identifikation von Ursachen und Einflussfaktoren einer späten oder fehlenden Heilmittelverordnung für die Logopädie bei Kindern im Alter von 2 bis 6 Jahren mit einer Sprachentwicklungsstörung
Zusammenfassung
Hintergrund: Die Sprachentwicklung ist ein entscheidender Bestandteil der frühkindlichen Entwicklung mit weitreichenden Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes. Störungen in diesem Bereich – Sprachentwicklungsstörungen (SES) – betreffen etwa 7,5 Prozent der Kinder im Kindergartenalter. Ohne angemessene Intervention in Form einer logopädischen Therapie können SES erhebliche Auswirkungen auf die Schulleistungen und soziale Integration haben. Allerdings zeigt sich, dass logopädische Interventionen, entgegen aktueller S3-Leitlinie, häufig erst spät beginnen, mit erheblichen Nachteilen für die betroffenen Kinder. KinderärztInnen erkennen die Notwendigkeit einer logopädischen Intervention oft erst nach dem vierten Lebensjahr, obwohl Sprachtherapien bereits ab dem zweiten Lebensjahr möglich und sinnvoll wären und viele Kinder erhalten die notwendige Unterstützung erst nach dem idealen Entwicklungszeitpunkt.
Material und Methode: Es wurde ein qualitatives Studiendesign gewählt. Die Datenerhebung erfolgte mittels leitfadengestützter, halbstrukturierter Interviews mit 5 KinderärztInnen und 5 Eltern betroffener Kinder. Die Stichprobe wurde gezielt rekrutiert. Die Auswertung erfolgte anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädicker mit der Software MAXQDA. Es liegt eine DSGVO-konforme Einwilligungserklärungen aller Teilnehmenden vor.
Ergebnisse: Die Analyse zeigt, dass verspätete/fehlende Heilmittelverordnungen (HMV) auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurückzuführen sind. Auf ärztlicher Ebene hemmen insbesondere Zeitmangel, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Unsicherheiten in der Diagnostik früher SES sowie eine zurückhaltende Verordnungspraxis im Kleinkindalter. Auf Elternebene zeigen sich Faktoren wie Gesundheitskompetenz, Wahrnehmung sprachlicher Auffälligkeiten und Zugang zu Informationen über Versorgungsangebote. Zusätzliche strukturelle Faktoren sind lange Wartezeiten auf Therapieplätze, regionale Versorgungsengpässe und mangelnde interprofessionelle Vernetzung.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass verspätete/fehlende HMV nicht auf einzelne Ursachen zurückzuführen sind, sondern durch strukturelle, individuelle und systemische Barrieren im Versorgungsgeschehen entstehen. Zur Verbesserung der Versorgung sind eine stärkere Sensibilisierung von KinderärztInnen für frühe Sprachentwicklungsstörungen, der Einsatz standardisierter Sprachscreenings, der Ausbau interprofessioneller Kooperationen sowie Maßnahmen zur Stärkung der elterlichen Gesundheitskompetenz erforderlich.
Text
Hintergrund
Sprachentwicklungsstörungen (SES) gehören zu den häufigsten Entwicklungsauffälligkeiten im Kindesalter und betreffen etwa zehn Prozent der Kinder im Kindergartenalter. Eine frühzeitige logopädische Intervention kann die sprachliche, schulische und soziale Entwicklung nachhaltig fördern. Dennoch erhalten viele betroffene Kinder die notwendige Unterstützung häufig erst verspätet oder sie bleibt aus, obwohl die aktuelle Leitlinie zur Therapie von Sprachentwicklungsstörungen [1] einen möglichst frühen Therapiebeginn empfiehlt. Dies kann langfristige und erhebliche Auswirkungen auf Bildungschancen und die soziale Teilhabe haben [2], [3], [4]. Ziel der vorliegenden Studie im Rahmen der Masterarbeit im Studiengang Public Health an der Jade Hochschule Oldenburg war die Identifikation von Ursachen und Einflussfaktoren einer späten oder fehlenden Heilmittelverordnung für die Logopädie bei Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren mit Sprachentwicklungsstörungen.
Material und Methoden
Die Datenerhebung erfolgte im Rahmen eines qualitativen Studiendesigns mittels leitfadengestützter, halbstrukturierter Interviews mit fünf Kinderärzt*innen sowie fünf Eltern betroffener Kinder. Die Auswertung der Daten erfolgte anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker [5] unter Verwendung der Software MAXQDA (Version 22.7.0).
Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass verspätete oder ausbleibende Heilmittelverordnungen auf ein komplexes Zusammenspiel individueller, struktureller und systemischer Faktoren zurückzuführen sind. Auf ärztlicher Ebene wirken insbesondere Zeitmangel, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, diagnostische Unsicherheiten sowie eine zurückhaltende Verordnungspraxis im frühen Kindesalter hemmend. Auf Elternebene beeinflussen die Gesundheitskompetenz, die Wahrnehmung sprachlicher Auffälligkeiten sowie der Zugang zu Informationen über Versorgungsangebote den weiteren Versorgungsverlauf. Zusätzlich erschweren lange Wartezeiten auf Therapieplätze, regionale Versorgungsengpässe und eine unzureichende interprofessionelle Vernetzung den Zugang zu einer zeitnahen logopädischen Behandlung.
Diskussion
Besonders bedeutsam erscheint die weiterhin bestehende Unterversorgung mit logopädischen Therapieplätzen, die zu langen Wartezeiten führt und den rechtzeitigen Therapiebeginn selbst bei bestehender Indikation erschwert. Darüber hinaus tragen diagnostische Unsicherheiten, fehlende Standardisierung der sprachlichen Einschätzung sowie zeitliche Belastungen im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen zu Verzögerungen im Verordnungsprozess bei. Die beobachtete Zurückhaltung gegenüber Verordnungen im Alter von zwei bis drei Jahren steht dabei im Widerspruch zur Evidenz, die den Nutzen früher sprachtherapeutischer Interventionen hervorhebt. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass Defizite in der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen Kinderärzt*innen, Logopäd*innen, Kindertageseinrichtungen und weiteren Akteur*innen die Versorgung zusätzlich erschweren.
Fazit/Schlussfolgerung
Die Studie verdeutlicht, dass Versorgungslücken bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen durch das Zusammenwirken verschiedener Barrieren entlang des Versorgungspfades entstehen. Um die Versorgung von Kindern mit Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung zu verbessern, sollten die bedeutsamen Akteur*innen sensibilisiert, gestärkt und vernetzt werden, um frühe Anzeichen von sprachlichen Auffälligkeiten, deren Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Sprachentwicklung und die hohe Bedeutung frühzeitiger kind- und elternzentrierter Interventionen zu kennen. Die Studie liefert damit relevante Erkenntnisse für die Weiterentwicklung präventiver und versorgungsbezogener Strategien im Bereich der kindlichen Sprachentwicklung.
Literatur
[1] Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e.V. (DGPP), et al. S3-Leitlinie Therapie von Sprachentwicklungsstörungen. AWMF-Registernr.: 049-015. AWMF; 2022. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/049-015[2] Caglar-Ryeng Ø, Eklund K, Nergård-Nilssen T. School-entry language outcomes in late talkers with and without a family risk of dyslexia. Dyslexia. 2021 Feb;27(1):29-49. DOI: 10.1002/dys.1656
[3] Kannengieser S. Sprachentwicklungsstörungen: Grundlagen, Diagnostik und Therapie. 4., aktualisierte Auflage. München: Elsevier; 2019.
[4] Sachse S, Bockmann AK, Buschmann A, Hrsg. Sprachentwicklung: Entwicklung - Diagnostik - Förderung im Kleinkind- und Vorschulalter. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg; 2020 [zitiert 6. Mai 2023]. DOI: 10.1007/978-3-662-60498-4
[5] Kuckartz U, Rädiker S. Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz. 6. Auflage. Weinheim: Juventa Verlag; 2024.



