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28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V.
04.-06.03.2026
Oldenburg

Meeting Abstract

Irrtumswahrscheinlichkeiten und weitere kritische Fakten zum sprachaudiometrischen Indikationskriterium einer CI-Versorgung in der CI-Leitlinie und im Weißbuch der DGHNO

Thomas Steffens - Universitäts-HNO-Klinik, Regensburg, Deutschland

Text

Problemstellung und Ausgangslage: Anlässlich des am 31.10.2025 erreichten Ablaufdatums der CI-Leitlinie und der damit verbundenen Frage nach ihrer Überarbeitung erscheint es dringend erforderlich, auf die zum Teil erheblichen methodischen Unzulänglichkeiten der audiologischen Indikationsstellung zur CI-Versorgung hinzuweisen. Bei postlingual ertaubten sowie resthörigen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen basiert die derzeitige Indikationsstellung auf der Messung der Sprachverständlichkeit von Freiburger Einsilbern in Ruhe bei einem Sprachpegel von 65 dB SPL und „optimaler“ Hörgeräteversorgung. Sowohl die AWMF-Leitlinie „Cochlea-Implantat-Versorgung“ (Version 2020; Registernummer 017/071) als auch das Weißbuch der DGHNO (überarbeitete 2. Auflage, 2021) definieren hierzu einen festen Indikationsgrenzwert der Einsilberverständlichkeit von 60% oder weniger bei 65 dB SPL.

Fehlerrisiko: Bei dieser scheinbar klar definierten Entscheidungsgrundlage wird jedoch vernachlässigt, dass jedes individuelle Testergebnis einer zufallsbedingten intraindividuellen Streuung unterliegt und somit nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit die tatsächliche – „wahre“ – Sprachverständlichkeit abbildet. Die aus zufälligen Einflüssen resultierende Varianz der Testergebnisse bei Wiederholungsmessungen kann die Retest-Reliabilität in der Sprachaudiometrie mit Einzelwörtern so erheblich begrenzen, dass sie zwingend in die Indikationsstellung einbezogen werden muss.

Entscheidend ist die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein erhobenes Testergebnis in der Nähe des Identifikationsgrenzwertes aufgrund zufallsbedingter Abweichungen von der tatsächlichen Sprachverständlichkeit differiert und diese in Wirklichkeit über 60% liegen könnte. Diese Wahrscheinlichkeit entspricht dem Risiko einer Fehlindikation. Diese Irrtumswahrscheinlichkeit lässt sich für zufällige Fehler mithilfe der Binomialverteilung berechnen. Im Vortrag werden für unterschiedliche Annahmen die resultierenden Irrtumswahrscheinlichkeiten vorgestellt.

Evidenzlage und Methodischer Vorschlag: Im zweiten Teil wird auf die unzureichende Evidenzlage und Repräsentativität der Untersuchungen verwiesen, die der Leitlinie und dem Weißbuch zugrunde gelegt wurden. Im Hinblick auf die Bedeutung der Indikationsgrenzwerte reicht bisher die verwendete Datenbasis bei weitem nicht für eine valide und exakte Beurteilung der tatsächlichen Erfolgschancen für eine Verbesserung der Sprachverständlichkeit mit CI für grenzwertige Indikationsmessungen aus. Der Vortrag macht einen methodischen Vorschlag zur Verbreiterung der Datenbasis und Ermittlung von Wahrscheinlichkeitswerten zur Einzelfall-Erfolgsbeurteilung.


Literatur

[1] Steffens T. Sprachaudiometrie: Verschlechterung, Verbesserung oder Zufallsschwankung? HNO-Nachrichten. 2022;52(4):15-19.
[2] Steffens T. Die systematische Auswahl von sprachaudiometrischen Verfahren [The systematic selection of speech audiometric procedures]. HNO. 2017 Mar;65(3):219-227. German. DOI: 10.1007/s00106-016-0249-0