28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
Einfluss realer Raumakustik auf objektive Stimmanalysen: Relevanz für valide Sprach- und Stimmbeurteilung in diagnostischen Kontexten
Text
Fragestellung: In der logopädischen Diagnostik wird der Therapieerfolg meist noch perzeptiv bewertet. Objektive Stimmanalysen wie z.B. der Acoustic Voice Quality Index (AVQI) [1] und der Acoustic Breathiness Index (ABI) [2] wurden entwickelt, um Stimmqualität nachvollziehbar zu quantifizieren und Therapieverläufe evidenzbasiert zu dokumentieren. In klinischen und therapeutischen Settings existieren jedoch stark variierende Raumakustiken, die die Güte dieser Verfahren beeinträchtigen können. Trotz der wachsenden Bedeutung objektiver Analysen ist bislang kaum untersucht, wie groß diese raumakustischen Einflüsse in realen logopädischen Räumen tatsächlich sind. Ziel der Studie ist eine systematische Bestimmung der Raumvariabilität sowie der daraus resultierenden Einflüsse auf bestehende objektive Stimmqualitätsmaße und deren zugrundeliegenden Stimmparameter.
Methoden: In 35 logopädisch genutzten Räumen verschiedener Einrichtungen wurden Impulsantworten und Grundgeräusche gemessen. Diese raumakustischen Maße wurden anschließend genutzt, um Stimmproben der Saarbrücker Stimmdatenbank [3] mittels Faltung in realitätsnahe Hörsituationen zu übertragen. Für alle simulierten Signale wurden die zugrundeliegenden Stimmparameter bestimmt. Ziel war es, die Einflüsse der Raumakustik auf diese Parameter in Abhängigkeit von raumakustischen Faktoren wie Nachhallzeiten, Klarheitsmaße und Hintergrundgeräusche sowie unterschiedlicher Mikrofontypen und -positionen mithilfe linearer gemischter Modelle statistisch zu analysieren und zu evaluieren.
Ergebnisse: Die gemessenen Nachhallzeiten in Abbildung 1 [Abb. 1] zeigen eine hohe Varianz über die betrachteten Räume. Obwohl keine Empfehlungen für logopädisch genutzte Therapieräume existieren, erfüllen nur wenige Räume die Anforderungen der Nutzungsart „Unterricht/Kommunikation inklusiv“ der DIN 18041:2016-03. Weiter zeigt sich, dass die betrachteten Stimmqualitätmaße zum Teil deutlich durch die Raumakustik beeinflusst werden. Bereits mittlere Nachhallzeiten führen zu erheblichen Verschiebungen der objektiven Parameter. Besonders betroffen sind physiologische und leicht pathologische Stimmen, die durch Raumakustik fälschlich „pathologischer“ erscheinen können und somit die Fasch-Positiv Rate erhöhen. Lavaliermikrofone reduzieren die Effekte, verhindern sie aber nicht vollständig. Klarheitsmaße erweisen sich als robuste Prädiktoren für die Richtung und Stärke der Verzerrung.
Schlussfolgerungen: Objektive Stimmqualitätsparameter reagieren empfindlich auf reale akustische Bedingungen. Für logopädische Diagnostik, aber ebenso für audiologische Anwendungen (z.B. Beurteilung des Sprachsignals in der Hörrehabilitation, Training unter alltagsnahen akustischen Bedingungen) ist die Kontrolle bzw. Standardisierung der Raumakustik entscheidend. Die Ergebnisse unterstreichen, dass raumakustische Messgrößen aktiv berücksichtigt werden müssen, wenn Stimm- oder Sprachsignale als diagnostische Grundlage dienen.
Literatur
[1] Maryn Y. Acoustic measurement of overall voice quality in sustained vowels and continuous speech [thesis]. Ghent: Ghent University; 2010.[2] Barsties V Latoszek B, Maryn Y, Gerrits E, De Bodt M. The Acoustic Breathiness Index (ABI): A Multivariate Acoustic Model for Breathiness. J Voice. 2017 Jul;31(4):511.e11-511.e27. DOI: 10.1016/j.jvoice.2016.11.017
[3] Pützer M, Barry WJ. Saarbrücker Stimmdatenbank. V. 2.0, Institut für Phonetik, Universität des Saarlandes. 2005. Verfügbar unter: https://stimmdb.coli.uni-saarland.de/




