38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
Irvine-Gass-Syndrom nach linsenerhaltender Vitrektomie versus Phakovitrektomie: Evidenz aus einer Kohortenstudie und Metaanalyse
Text
Zielsetzung: Vergleich der Häufigkeit und des klinischen Verlaufs eines zystoiden Makulaödems (CME), auch bekannt als Irvine Gass-Syndrom, nach linsenerhaltender Pars-plana-Vitrektomie im Vergleich zur kombinierten Phakovitrektomie sowie Einordnung dieser Ergebnisse anhand einer systematischen Literaturübersicht und Metaanalyse.
Methoden: In eine monozentrische retrospektive Kohortenstudie wurden Patient:Innen eingeschlossen, die zwischen 2020 und 2024 an der Universitäts-Augenklinik Innsbruck vitreoretinal chirurgisch behandelt wurden. Die Augen wurden entweder mittels linsenerhaltender Vitrektomie oder mittels kombinierter Phakovitrektomie operiert. Die Diagnose eines CME erfolgte mittels optischer Kohärenztomographie (OCT). Als Endpunkte wurden bei bis zu vier Nachuntersuchungen die bestkorrigierte Sehschärfe (BCVA), die zentrale Makuladicke (CMT) sowie das Vorhandensein von intraretinaler Flüssigkeit (IRF) und subretinaler Flüssigkeit (SRF) erfasst. Zusammenhänge zwischen Operationsverfahren und Outcomes wurden mittels logistischer Regression und Generalized Estimating Equations analysiert, adjustiert für Alter, Geschlecht und epiretinale Membran (ERM) als Operationsindikation.Parallel dazu wurde eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed, Embase und Cochrane bis Dezember 2024 durchgeführt, um prospektive und retrospektive Studien zu identifizieren, die eine alleinige Vitrektomie mit einer Phakovitrektomie vergleichen und die Inzidenz eines postoperativen CME berichten. Zwei unabhängige Reviewer führten das Screening der Studien und die Datenextraktion durch. Zur Abschätzung des gepoolten relativen Risikos (RR) für das Auftreten eines CME wurde eine Metaanalyse unter Verwendung eines Random-Effects-Modells durchgeführt.
Ergebnisse: In der Kohortenstudie erfüllten 670 Vitrektomien die Einschlusskriterien. Ein postoperatives CME trat signifikant häufiger nach Phakovitrektomie als nach linsenerhaltender Vitrektomie auf (16,6% vs. 10,6%, p = 0,030). Das Operationsverfahren blieb auch nach Adjustierung für Alter, Geschlecht und ERM unabhängig mit dem Auftreten eines CME assoziiert (OR 1,64; 95%-KI 1,01–2,66; p = 0,044). Die linsenerhaltende Vitrektomie zeigte geringere Odds für SRF (OR 0,31; p = 0,046), einen nicht signifikanten Trend zu einer schnelleren Rückbildung von IRF sowie eine signifikant geringere zentrale Makuladicke, während sich die BCVA-Ergebnisse zwischen den Verfahren nicht unterschieden. Die Anwendung von Prostaglandin-Analoga war nicht signifikant mit dem Auftreten eines CME assoziiert. Die Metaanalyse umfasste neun Studien mit insgesamt 2.075 Augen. Die gepoolte Analyse zeigte ein signifikant erhöhtes Risiko für ein postoperatives CME nach Phakovitrektomie im Vergleich zur alleinigen Vitrektomie (RR 2,77; 95%-KI 1,67–4,61; p < 0,001), konsistent über verschiedene Studiendesigns und Indikationen hinweg.
Schlussfolgerung: Sowohl die retrospektive Kohortenanalyse als auch die gepoolte Auswertung der Literatur zeigen ein signifikant erhöhtes Risiko für ein postoperatives CME nach kombinierter Phakovitrektomie im Vergleich zur linsenerhaltenden Vitrektomie. Linsenerhaltende Eingriffe waren mit weniger OCT-Biomarkern einer makulären Entzündung und einer geringeren zentralen Makuladicke assoziiert. Diese Ergebnisse legen nahe, dass das Operationsverfahren ein unabhängiger Faktor für postoperative makuläre Entzündungsreaktionen ist und bei der chirurgischen Planung sowie im perioperativen Management berücksichtigt werden sollte.



