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Gesundheit gestalten

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS)
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen

Meeting Abstract

Gesundheitskioske Essen als intermediäre Infrastruktur – Erkenntnisse aus Nutzungsdaten

Nicole Ginter - Medizinische Fakultät der Universität Duisburg Essen, Institut für Allgemeinmedizin, Essen, Deutschland
Philip Schillen - Medizinische Fakultät der Universität Duisburg Essen, Institut für Allgemeinmedizin, Essen, Deutschland
Jürgen in der Schmitten - Medizinische Fakultät der Universität Duisburg Essen, Institut für Allgemeinmedizin, Essen, Deutschland

Text

Hintergrund: In sozial benachteiligten Stadtteilen entstehen Versorgungsprobleme weniger durch fehlende Angebote als durch Orientierungs-, Koordinations- und Zugangsbarrieren in einem komplexen Gesundheitssystem. Besonders betroffen sind Personen mit geringer Gesundheitskompetenz, sprachlichen Hürden oder multiplen Versorgungskontakten. Gesundheitskioske setzen an dieser Schnittstelle an, wurden jedoch bislang kaum anhand realer Nutzungsdaten untersucht.

Zielsetzung/Fragestellung:

1. Wie stellt sich die Nutzung der Gesundheitskioske in Bezug auf soziodemografische Merkmale, Beratungsverläufe sowie thematische Schwerpunkte dar?

2. Unterscheiden sich Beratungsverläufe und Beratungsthemen in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, Beratungssprache und Zuweisungsweg?

Material & Methoden: Retrospektiv ausgewertet wurden 4.921 dokumentierte Einzelberatungen von 1.968 Personen in zwei Gesundheitskiosken (Essen, 06/2022–06/2025). Die Analyse erfolgte deskriptiv und explorativ mit nichtparametrischen Verfahren. Beratungsanlässe wurden funktionalen (Aufklärung, Unterstützung, Förderung, Lotsung) sowie diagnosebezogenen Kategorien zugeordnet; Erst- und Folgeberatungen wurden getrennt betrachtet.

Ergebnisse: Die Gesundheitskioske wurden von einer sozial und sprachlich heterogenen Bevölkerung genutzt. In Erst- wie auch in Folgeberatungen dominierten funktionale, systembezogene Themen wie Gesundheitsaufklärung, Unterstützung im Gesundheitssystem und Versorgungskoordination deutlich gegenüber krankheitsspezifischen Anliegen. Unterschiede in Nutzungs- und Beratungsverläufen zwischen Bevölkerungsgruppen waren zwar statistisch signifikant, wiesen jedoch geringe Effektstärken auf und ließen keine klar abgrenzbaren Hochbedarfsgruppen erkennen.

Diskussion: Die Ergebnisse legen nahe, Gesundheitskioske weniger als zielgruppenspezifische Interventionen, sondern primär als intermediäre sozialräumliche Infrastruktur zu verstehen, die strukturelle Navigations- und Koordinationsanforderungen eines komplexen Gesundheitssystems adressiert. Die Analyse realer Nutzungsdaten liefert damit eine empirische Grundlage für eine differenziertere gesundheitspolitische Bewertung quartiersnaher Versorgungsmodelle jenseits rein quantitativer Leistungs- und Outcome-Logiken.

Take Home Message für die Praxis: Die Ergebnisse legen nahe, dass relevante Unterstützungsbedarfe weniger krankheitsspezifisch als systembezogen entstehen. Gesundheitskioske können als intermediäre Struktur zur Verbesserung von Versorgungsnavigation, Verständlichkeit und Anschlussfähigkeit beitragen – insbesondere in sozial benachteiligten urbanen Räumen.

Interessenkonflikt: Die Autorin Nicole Ginter ist in leitender Funktion in den untersuchten Gesundheitskiosken tätig. Es bestehen keine finanziellen Interessenkonflikte.