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Gesundheit gestalten

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS)
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen

Meeting Abstract

Case Management im Primärversorgungsnetzwerk

Nina Möllerring - Universitätsklinikum Ulm, Institut für Allgemeinmedizin, Ulm, Deutschland
Alexander Avian - Medizinische Universität Graz, Institute for Medical Informatics, Statistics and Documentation, Graz, Österreich
Tanja Pitzalis - Universitätsklinikum Ulm, Institut für Allgemeinmedizin, Ulm, Deutschland
Katrin Kuss - Universitätsklinikum Ulm, Institut für Allgemeinmedizin, Ulm, Deutschland
Martin Sprenger - Medizinische Universität Graz, Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung, Graz, Österreich
Anne Barzel - Universitätsklinikum Ulm, Institut für Allgemeinmedizin, Ulm, Deutschland

Text

Hintergrund: Im Rahmen des Pilotprojekts „Primärversorgung im Ostalbkreis" (2021–2024) wurde das Gesundheitsnetz Schwäbischer Wald gegründet und ein Case and Care Management mit Einsatz von Patientenlots:innen in der ländlich unterversorgten Region erprobt. Als Lots:innen übernahmen examinierte Pflegefachkräfte die Aufgabe, sektorenübergreifend die Versorgung insbesondere multimorbider Patient:innen zu koordinieren.

Zielsetzung/Fragestellung: Für dieses neue Versorgungsangebot wurden die Inanspruchnahme, der Versorgungsbedarf und die Anforderung von Leistungen durch das Case and Care Management untersucht.

Material & Methoden: Explanativ-sequentielles Mixed-Methods-Design. 136 Patientenfälle im Zeitraum von 28.02.2023–06.06.2025, deskriptive Statistik in R.

Ergebnisse: Die Lotsinnen versorgten eine überwiegend weibliche (57%), ältere (Median 79 J., Altersrange 16,0 bis 97,0 J.), multimorbide Population (58,8% ≥ 2 Diagnosen); 47,4% hatten keinen Pflegegrad. 85% der Patient:innen gaben als Ansprechpartner für die Patientenlots:innen ihre An- oder Zugehörigen an. Die Kontaktaufnahme erfolgte in 25,7% ebenfalls durch An- und Zugehörige, in 10,3% durch die Hausarztpraxis. Kontaktanlässe betrafen in erster Linie den Wunsch nach Beratung (30,3%) sowie Belastungssituationen versorgender Angehöriger (26,4%). In 25,8% wurde ein Pflegegrad-Antrag gestellt. Der Koordinationsbedarf war unabhängig von Alter, Pflegegrad, Diagnoseanzahl oder einem An- oder Zugehörigen als weiteren Ansprechpartner.

Diskussion: Das im Gesundheitsnetz Schwäbischer Wald eingeführte Case and Care Management hat einen erheblichen sozial-administrativen Unterstützungsbedarf aufgezeigt, der zusätzlich zur Versorgung in der Hausarztpraxis besteht. Die Patientenlots:innen erreichten mit dem neuen Versorgungsangebot eine vulnerable Population. Der hohe Anteil Versorgender in Belastungssituationen verdeutlicht, dass informelle Netzwerke Versorgungsaufgaben übernehmen, die das formale System nicht ausreichend abdeckt. Der Wunsch nach Beratung verweist auf eine systemische Überforderung der Betroffenen im Umgang mit dem Sozial- und Pflegesystem. Die Kooperation mit Hausarztpraxen sollte gestärkt werden.

Take Home Message für die Praxis: Patientenlots:innen unterstützen in hohem Maße die Navigation insbesondere älterer Menschen im Sozial- und Pflegesystem. Niederschwellige Zugangswege und die aktive Einbindung von An- und Zugehörigen sind essenziell. Eine Aufnahme in die Regelversorgung wäre daher anzustreben.

Interessenkonflikte: Keine