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Gesundheit gestalten

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS)
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen

Meeting Abstract

Zeit für Gesundheit?! – Chrono-Normativität, imposed temporalities und Zeitsouveränität in der Gesundheitsversorgung

Julia Zielke - Universitätsmedizin Charité Berlin, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft, Berlin, Deutschland
Andreas Wagenknecht - Universitätsmedizin Charité Berlin, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft, Berlin, Deutschland

Text

Hintergrund: In der Gesundheitswissenschaft wird Zeit bisher als struktureller Faktor der Gesundheitsversorgung selten berücksichtigt. Die Zeitlichkeit der Versorgung – ob die der Patient:innen oder des Personals – ist allerdings komplex und vielschichtig und hat einen direkten Einfluss u.a. auf die wahrgenommene Behandlungsqualität und das individuelle Krankheitserleben, den Zugang zur Versorgung sowie die Organisation der medizinischen Versorgung.

Zielsetzung/Fragestellung: Ziel des Beitrages ist es, für Zeit als gesundheitsrelevanten Faktor konzeptionell zu sensibilisieren und kritisch zu reflektieren.

Material & Methoden: Es werden sozialtheoretische Zeitkonzepte vorgestellt und anhand empirischer Studien aus unterschiedlichen Feldern der Gesundheitsversorgung werden die konzeptionellen Ideen kontextualisiert.

Ergebnisse: Nach einer grundlegenden Einführung der Idee einer ‚sozialen Zeit‘, wird das Konzept der Chrono-Normativität ausbuchstabiert, welches dafür argumentiert, dass das Verständnis von Zeitlichkeit im Gesundheitswesen auf bestimmten dominierenden Vorstellungen ‚richtiger Zeit‘ beruht. So sind z.B. Versorgungsprozesse chronologisch fortschreitend und fortschrittsorientiert, friktionsfrei synchronisierbar, eindeutig berechenbar und beliebig beschleunigbar.

Die (praxissoziologischen) Begriffe der imposed temporalities und der temporal rhythms beleuchten was Chrono-normativität bewirkt: Zeitstrukturen werden Patient:innen und Versorgenden implizit aufoktroyiert. Somit werden auch Machtdiskrepanzen durch die Zeit der Versorgung (re-)produziert.

Demgegenüber wird der Begriff der Zeitsouveränität gestellt, um zu zeigen, wie ungleich verteilte Möglichkeiten über Zeitverhältnisse mitzubestimmen, die Gesundheitsversorgung prägen. Der Begriff eröffnet nicht zu Letzt ein Handlungsfenster, hegemoniale Zeitstrukturen und deren Auswirkungen kritisch zu hinterfragen, alternative Rhythmen und Temporalitäten sowie Gerechtigkeitsfragen zu thematisieren und einen institutionellen Wandel anzustoßen.

Diskussion: Unter der Anwendung der konzeptionellen Bezüge wird deutlich, dass Zeit eine institutionelle Herrschaftsform ist, die Reihenfolge, Rhythmus und Tempo von Versorgungspraktiken normativ reguliert. Der Zusammenhang von Zeit und Macht ist damit ein zentrales Thema für empirische Gesundheitsforschung wie auch Gerechtigkeitsfragen.

Take Home Message für die Praxis: Sozialtheoretische Zeitkonzepte eröffnen die Möglichkeit verschiedene Aspekte der Gesundheitsversorgung auf innovative Weise zu verstehen und zu beschreiben und in der Folge besser zu gestalten.

Interessenkonflikt: Es liegen keine Interessenskonflikte vor.