Logo

42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
16.-19.09.2026
Starnberg
 
Next

Poster

Rezidivierende Pneumokokkenmeningitis mit fluktuierender Hörminderung bei einem 10-jährigen Jungen

S. I. Zabaneh - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
C. Männel - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland; Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig, Deutschland
M. Fleischer - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
L. H. Pieper - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
D. Mürbe - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland
A. Hirschfelder - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland

Abstract

Hintergrund: Rezidivierende bakterielle Meningitiden sind selten und können durch angeborene oder traumatische Schädelbasisdefekte bedingt sein. Neben der lebensbedrohlichen Akutsituation drohen bleibende Innenohrschwerhörigkeiten bis hin zur Taubheit. Eine engmaschige Kontrolle ist erforderlich, um eine mögliche Obliteration der Cochlea durch rasch einsetzende Ossifizierungsprozesse zu erkennen. In diesem Fall sollte sobald wie möglich eine Cochlea-Implantat-Versorgung erfolgen.

Material und Methode: Ein initial 4-jähriger Junge wurde mit erstmaliger Pneumokokkenmeningitis mit Fieber und Bewusstseinsstörung vorgestellt. Die Liquordiagnostik zeigte eine ausgeprägte Pleozytose mit Nachweis von Streptococcus pneumoniae. Neben der antiinfektiven Therapie erfolgte die Gabe von Dexamethason. Audiologisch zeigte sich eine mittelgradige Schallempfindungsschwerhörigkeit rechts. Im cMRT bestanden keine Hinweise auf eine Obliteration der Cochlea. Nach erneuter hochdosierter Steroidtherapie, Hörgerätversorgung und engmaschiger Kontrolle zeigte sich der Hörverlust innerhalb eines Jahres nahezu vollständig regredient.

Im Alter von 10 Jahren trat eine erneute Pneumokokkenmeningitis mit septischem Verlauf auf. Die CT zeigte einen Schädelbasisdefekt im Bereich der Lamina cribrosa bei unauffälligen Innenohrstrukturen. Audiologisch bestand erneut eine Schallempfindungsschwerhörigkeit, diesmal hochgradig rechts. Nach der Akuttherapie erfolgte eine erneute Hörgerätversorgung sowie sechs Monate später die operative Schädelbasisabdeckung. Aktuell besteht eine mittelgradige Hörstörung rechts.

Ergebnisse: Der Fall zeigt, dass meningitisassoziierte Hörstörungen trotz initial schwerem Befund unter frühzeitiger antiinflammatorischer Therapie vollständig reversibel sein können. Gleichzeitig besteht bei rezidivierender Pneumokokkenmeningitis infolge eines Schädelbasisdefekts ein erhöhtes Risiko für erneute und ggf. persistierende Hörstörungen.

Schlussfolgerung: Meningitisbedingte Hörstörungen können insbesondere unter frühzeitiger Steroidtherapie reversibel sein, erfordern jedoch engmaschige audiologische und radiologische Kontrollen. Bei rezidivierenden Pneumokokkenmeningitiden sollte konsequent nach prädisponierenden Faktoren wie Schädelbasisdefekten gesucht werden.

Text

Hintergrund

Rezidivierende bakterielle Meningitiden sind selten und können durch angeborene oder traumatische Schädelbasisdefekte bedingt sein [1]. Neben der lebensbedrohlichen Akutsituation drohen bleibende Innenohrschwerhörigkeiten. Eine engmaschige Kontrolle ist erforderlich, um eine mögliche cochleäre Obliteration durch rasch einsetzende Ossifizierungsprozesse zu erkennen. In diesem Fall sollte frühzeitig eine Cochlea-Implantat-Versorgung erfolgen.

Material und Methoden

Ein 4-jähriger Junge wurde mit erstmaliger Pneumokokkenmeningitis mit Fieber und Bewusstseinsstörung vorgestellt. Die Liquordiagnostik zeigte eine ausgeprägte Pleozytose. Es erfolgte die antiinfektive Therapie mit initialem Aciclovir, Cefotaxim und Gentamicin; nach dem Nachweis von Streptococcus pneumoniae wurde auf Cefotaxim deeskaliert. Gleichzeitig erfolgte die Gabe von Dexamethason. Nach über 10-tägiger intensivmedizinischer Behandlung konnte der erste Hörtest erfolgen, hier zeigte sich eine hochgradige Schallempfindungsschwerhörigkeit rechts bei Normakusis links (Abbildung 1 [Abb. 1]). Im cMRT bestanden keine Hinweise auf eine cochleäre Obliteration. Nach erneuter hochdosierter Steroidtherapie, Hörgeräteversorgung und engmaschiger Kontrolle zeigte sich der Hörverlust innerhalb eines Jahres nahezu vollständig regredient.

Abbildung 1: Initiales Audiogramm während erster Meningitis mit hochgradiger Schallempfindungsschwerhörigkeit rechts und Normakusis links

Im Alter von 10 Jahren trat eine erneute Pneumokokkenmeningitis mit septischem Verlauf auf. Die Computertomographie zeigte einen Schädelbasisdefekt im Bereich der Lamina cribrosa bei unauffälligen Innenohrstrukturen (Abbildung 2 [Abb. 2]). Audiologisch bestand erneut eine hochgradige Schallempfindungsschwerhörigkeit rechts. Nach der Akuttherapie erfolgte eine Hörgeräteversorgung sowie sechs Monate später die operative Schädelbasisabdeckung. Aktuell besteht eine mittelgradige Hörstörung rechts.

Abbildung 2: CT-NNH in sagittaler Schnittführung mit Darstellung des Schädelbasisdefektes (roter Pfeil)

Diskussion und Schlussfolgerungen

Der vorliegende Fall verdeutlicht, dass meningitisassoziierte Hörstörungen auch bei initial schwerem Befund unter frühzeitiger antiinflammatorischer Therapie vollständig reversibel sein können. Dies ist klinisch relevant, da Hörstörungen im Rahmen einer durch Pneumokken ausgelösten Meningitis in bis zu 31% der Fälle auftreten können [2]. Entsprechend sind engmaschige audiologische und radiologische Kontrollen erforderlich.

Bei rezidivierenden Pneumokokkenmeningitiden sollte zudem an prädisponierende Ursachen, insbesondere Schädelbasisdefekte, gedacht und eine entsprechende Abklärung eingeleitet werden [3].


References

[1] Chen TM, Chen HY, Hu B, Hu HL, Guo X, Guo LY, Li SY, Liu G. Characteristics of Pediatric Recurrent Bacterial Meningitis in Beijing Children's Hospital, 2006-2019. J Pediatric Infect Dis Soc. 2021 May 28;10(5):635-40. DOI: 10.1093/jpids/piaa176
[2] Dodge PR, Davis H, Feigin RD, Holmes SJ, Kaplan SL, Jubelirer DP, Stechenberg BW, Hirsh SK. Prospective evaluation of hearing impairment as a sequela of acute bacterial meningitis. N Engl J Med. 1984 Oct 4;311(14):869-74. DOI: 10.1056/NEJM198410043111401
[3] Lieb G, Krauss J, Collmann H, Schrod L, Sörensen N. Recurrent bacterial meningitis. Eur J Pediatr. 1996;155(1):26-30.