42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Dialogisches Bilderbuchbetrachten als elternzentrierte Intervention bei Kindern mit Hörstörung – ein G-BA-gefördertes Projekt zur Versorgungsforschung
Abstract
Hintergrund: Studien zur Wirksamkeit von Sprachtherapie bei Kindern mit Hörstörungen liegen kaum vor. Neben kindzentrierten Konzepten wird inter-/national der Einsatz von mehr elternzentrierten Konzepten mit Elterncoaching empfohlen, da Qualität und Quantität des elterlichen Sprachinputs unter anderen Faktoren als wesentlich für die weiterhin bestehende Heterogenität in den Entwicklungsläufen identifiziert wurde. Insbesondere dialogisches Bilderbuchbetrachten (dBB) führt zur Verbesserung sprachlicher Leistungen. Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss geförderte Studie DiaLog geht daher folgender Fragestellung nach: Ist eine elternzentrierte, sprachtherapeutische Intervention zum dBB für Kinder mit Hörstörung und Sprachentwicklungsstörung (SES) mindestens genauso wirksam wie eine kindzentrierte Standard-Sprach-Einzeltherapie?
Material und Methode: Eine randomisierte kontrollierte Interventionsstudie vergleicht die Effektivität des DiaLog-Programms (hybride Kurzintervention mit Elterncoaching in 4x Gruppen-, kombiniert mit 3x Einzelintervention mit Videofeedback) mit einer wöchentlichen kindzentrierten Standard-Sprach-Einzeltherapie über jeweils 3 Monate. Probanden sind mindestens 128 Kinder im Alter von 2½ - 5½ Jahren mit beidseitiger Hörstörung (Hörgeräte- oder Cochlea-Implantat-versorgt) mit SES. Zur Evaluation erfolgen Sprachtests und Videoaufnahmen der Eltern-Kind-Interaktion vor Interventionsbeginn (T0), nach 3 (T1) und weiteren 6 Monaten (T2), in denen für beide Gruppen bei weiterem Bedarf Standard-Sprach-Einzeltherapie erfolgt. Primäre Zielvariable ist die kindliche Wortvielfalt in der Spontansprache, sekundäre Zielvariablen sind weitere Sprachleistungen, die Art elterlich verwendeter Sprach-Lern-Strategien und die Akzeptanz beider Interventionsformen; auch erfolgt eine gesundheitsökonomische Evaluation.
Ergebnisse: Derzeit befindet sich die Studie in der Rekrutierungs- und Interventionsphase und schließt Kinder ein, die vorwiegend in NRW, Niedersachsen, Bremen und Hamburg rekrutiert werden. Erste Beobachtungen im DiaLog-Programm sind vielversprechend.
Schlussfolgerung: Die Studie leistet einen Beitrag zur Implementierung von S3-Leitlinienempfehlungen und zur Sprachtherapieforschung für die Zielgruppe.
Text
Hintergrund
Studien zur Wirksamkeit von Sprachtherapie bei Kindern mit Hörstörungen liegen bislang kaum vor. Neben kindzentrierter Sprachtherapie werden international und national elternzentrierte Ansätze mit Elterncoaching empfohlen, da die Qualität des elterlichen Sprachangebotes einen wesentlichen Einfluss auf die Sprachentwicklung hat [1]. Eine Metaanalyse [2] zeigt, dass etwa 32% der Varianz der Sprachentwicklungsverläufe bei Kindern mit Cochlea-Implantat durch diesen Faktor erklärbar sind. Entsprechend empfiehlt die S3-Leitlinie zur Therapie von Sprachentwicklungsstörungen (SES) [1] elternzentrierte Interventionen, die Eltern unterstützen und die sprachliche Alltagskommunikation verbessern, insbesondere durch dialogisches Bilderbuchbetrachten, das nachweislich sprachliche Fähigkeiten bis ins Schulalter fördert. Wirksame sprachlernförderliche elterliche Verhaltensweisen sind bekannt, dazu gehören ein responsiver, dialogischer Kommunikationsstil sowie die Verwendung von sogenannten High-Level-Strategien [3] (z.B. offene Fragen, Erweiterungen). In der Praxis nutzen Eltern von Kindern mit Hörstörungen bereits gerne Bilderbücher, verwenden jedoch häufig eher Low-Level-Strategien (z.B. geschlossene Fragen, Benennen), obwohl Kinder zunehmend komplexere sprachliche Anregungen benötigen [4]. Auch Gespräche über Gefühle und mentale Zustände werden empfohlen, da sie die psychosoziale Entwicklung und Empathie fördern [5].
Um Eltern für diese förderlichen Strategien zu sensibilisieren und ihren Einsatz durch Elterncoaching zu steigern, haben Reichmuth et al. [6] in Anlehnung an das Münsteraner Elternprogramm [7] und das Heidelberger Elterntraining [8] eine elternzentrierte Sprachtherapie, das DiaLog-Programm zum dialogischen Bilderbuchbetrachten von Kindern mit Hörstörungen entwickelt. Dieses Elterntraining entspricht der o.g. Leitlinienempfehlung, ist jedoch bislang nicht im Heilmittelkatalog der Krankenkassen enthalten.
Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss geförderte Studie DiaLog geht daher folgender Fragestellung nach: Ist eine elternzentrierte, sprachtherapeutische Intervention zum dialogischen Bilderbuchbetrachten für Kinder mit Hörstörung und Sprachentwicklungsstörung (SES) mindestens genauso wirksam wie eine kindzentrierte Standard-Sprach-Einzeltherapie?
Methode
Eine randomisierte kontrollierte Interventionsstudie vergleicht die Effektivität des DiaLog-Programms (hybride Kurzintervention mit Elterncoaching in 4x Gruppenintervention – davon 2x online – kombiniert mit 3x Einzelintervention mit Videofeedback) mit einer wöchentlichen kindzentrierten Standard-Sprach-Einzeltherapie über jeweils 3 Monate. Teilnehmende sind 128 Kinder im Alter von 2½–5½ Jahren mit beidseitiger mindestens mittelgradiger Hörstörung (≥35 dB HL nach WHO) (Hörgeräte- oder Cochlea-Implantat-versorgt bis zum Alter von 4 Jahren) mit SES und einem IQ ≥77,5. Die Lautsprachentwicklung sollte begonnen haben (bei Kindern bis 3;5 Jahre mindestens Verwendung von Wörtern; ab 3;6 Jahre Wortkombinationen, ab 4;0 Jahre Mehrwortsätze). Die Durchführung der Untersuchungen und des DiaLog-Programms erfolgt wohnortnah durch das Studienteam. Zur Evaluation erfolgen Sprachtests und Videoaufnahmen der Eltern-Kind-Interaktion beim Bilderbuchbetrachten und im Freispiel (je 5 Min.) vor Interventionsbeginn (T0), nach 3 (T1) und weiteren 6 Monaten (T2), in denen für beide Gruppen bei weiterem Bedarf Standard-Sprach-Einzeltherapie erfolgt. Primäre Zielvariable ist die kindliche Wortvielfalt in der Spontansprache, sekundäre Zielvariablen sind weitere Sprachleistungen, die Art elterlich verwendeter Sprach-Lern-Strategien (Low- und High-Level-Strategien erweitert um mentale Annahmen und Gefühlskommunikation) und die Akzeptanz beider Interventionsformen; auch erfolgt eine gesundheitsökonomische Evaluation.
Ergebnisse
Derzeit befindet sich die Studie in der Rekrutierungs- und Interventionsphase und schließt bis mindestens 7/2027 Kinder ein, die vorwiegend in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Hamburg rekrutiert werden, eine Ausweitung auf andere Bundesländer ist wahrscheinlich. Vor- und Nachuntersuchungen, sowie die Durchführung des DiaLog-Programms erfolgen für die Eltern wohnortnah. Einerseits sind erste Beobachtungen bei Kindern und Eltern im DiaLog-Programm vielversprechend. Andererseits zeigen sich unerwartet Hürden in der Rekrutierung.
Diskussion
Den positiven Rückmeldungen der ersten teilnehmenden Eltern stehen anhaltende Hemmnisse in der Rekrutierung weiterer Eltern gegenüber. Bislang werden noch wenig geeignete Kinder durch Fachstellen (u.a. Phoniatrie-Pädaudiologie, Frühförderung, CI-Zentren, Sprachtherapie) vermittelt, die nach einer Erstberatung Interesse an der Studienteilnahme zeigen. Bereits vor dem Kontakt mit dem Studienteam lehnen viele Eltern eine Teilnahme ab; die Gründe sind bislang nur teilweise geklärt. Eltern von Kindern mit Hörstörung sind seit der frühen Diagnosestellung häufig stark durch notwendige Versorgungstermine belastet. Zudem nimmt das anfänglich hohe elterliche Vertrauen in die eigene Förderkompetenz im Verlauf mit dem Älterwerden der Kinder häufig ab [9], während gleichzeitig die Wirksamkeit kindzentrierter Sprachtherapie höher eingeschätzt wird, obwohl hierfür bisher keine eindeutige Evidenz vorliegt. Als weiterer Ablehnungsgrund wird die Sorge genannt, eine bestehende Sprachtherapie im Rahmen des DiaLog-Programms unterbrechen zu müssen und dadurch einen Therapieplatz zu verlieren; entsprechende Gespräche mit logopädischen Praxen können diese Bedenken bereits reduzieren. Auch die Zufriedenheit mit der aktuellen Versorgung spielt eine Rolle. Darüber hinaus erfüllen viele Kinder die Einschlusskriterien nicht, etwa wegen Zusatzbeeinträchtigungen, unzureichender Deutschkenntnisse im Elternhaus oder einer zu stark bzw. nur noch gering beeinträchtigten Sprachentwicklung.
Schlussfolgerungen
Die Studie soll einen wichtigen Beitrag zur Implementierung von S3-Leitlinienempfehlungen und zur Sprachtherapieforschung für die Zielgruppe leisten. Eine Steigerung der Fallzahl durch extrinsische Motivation und Aufklärung der Eltern durch Fachkräfte ist notwendig.
References
[1] Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e.V. (DGPP), et al. Therapie von Sprachentwicklungsstörungen. Interdisziplinäre S3-Leitlinie. AWMF-Registernr.: 049-015. AWMF; 2022. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/049-015[2] Holzinger D, Dall M, Sanduvete-Chaves S, Saldaña D, Chacón-Moscoso S, Fellinger J. The Impact of Family Environment on Language Development of Children With Cochlear Implants: A Systematic Review and Meta-Analysis. Ear Hear. 2020 Sep/Oct;41(5):1077-91. DOI: 10.1097/AUD.0000000000000852
[3] Cruz I, Quittner AL, Marker C, DesJardin JL; CDaCI Investigative Team. Identification of effective strategies to promote language in deaf children with cochlear implants. Child Dev. 2013 Mar-Apr;84(2):543-59. DOI: 10.1111/j.1467-8624.2012.01863.x
[4] DesJardin JL, Stika CJ, Eisenberg LS, Johnson KC, Ganguly DH, Henning SC. Home Literacy Experiences and Shared Reading Practices: Preschoolers With Hearing Loss. J Deaf Stud Deaf Educ. 2023 Mar 24;28(2):189-200. DOI: 10.1093/deafed/enac050
[5] Hintermair M, Hoffmann V, Schäfer K. Die Rolle elterlicher Emotionskommunikation für die sozial-emotionale Entwicklung hörgeschädigter Vorschulkinder [The Role of Parental Emotional Communication in the Socioemotional Development of Deaf and Hard-of-Hearing Preschoolers]. Z Kinder Jugendpsychiatr Psychother. 2025 Nov;53(6):293-303. DOI: 10.1024/1422-4917/a001028
[6] Reichmuth K, et al. DiaLog - Elternprogramm zum dialogischen Bilderbuchbetrachten für Kinder mit Hörstörungen. Elternhandout. Universitätsklinikum Münster; 2025 [unveröffentlicht].
[7] Glanemann R, Reichmuth K, Matulat P, Zehnhoff-Dinnesen AA. Muenster Parental Programme empowers parents in communicating with their infant with hearing loss. Int J Pediatr Otorhinolaryngol. 2013 Dec;77(12):2023-9. DOI: 10.1016/j.ijporl.2013.10.001
[8] Buschmann A, Jooss B, Rupp A, Feldhusen F, Pietz J, Philippi H. Parent based language intervention for 2-year-old children with specific expressive language delay: a randomised controlled trial. Arch Dis Child. 2009 Feb;94(2):110-6. DOI: 10.1136/adc.2008.141572
[9] Ambrose SE, Appenzeller M, Mai A, DesJardin JL. Beliefs and Self-Efficacy of Parents of Young Children with Hearing Loss. Journal of Early Hearing Detection and Intervention. 2020;5(1):73-85. DOI: 10.26077/kkkh-vj55



