42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Subjektive Einschätzung der Schluckstörung nach der Therapie von Kopf-Hals-Tumoren – Zusammenhang mit dem EAT-10 vor und nach stationärer Rehabilitation
Abstract
Hintergrund: Fragebögen zur Erfassung des „patient related outcome“ (PROM) haben sich in den letzten Jahrzehnten zu einer wichtigen Komponente der ärztlichen Diagnostik entwickelt. Für Patienten und Patientinnen mit Schluckstörungen stehen verschiedene Fragebögen auf Deutsch zur Verfügung. Die weiteste Verbreitung hat der EAT-10 (eating assessment tool) erfahren. Der EAT-10 eignet sich für Betroffene mit Kopf-Hals-Tumoren (Zaretsky et al., 2018).
Ziel: Vergleich der subjektiven Einschränkung durch Schluckstörungen in „nicht vorhanden“, „geringgradig“, „mittelgradig“ und „hochgradig“ mit den Angaben im EAT-10 bei Betroffenen nach der Behandlung von Kopf-Hals-Tumoren zu Beginn und nach Abschluss einer phoniatrischen Rehabilitation.
Material und Methode: 116 Patienten und 45 Patientinnen füllten den EAT-10 aus und 133 von ihnen schätzten den Grad ihrer Einschränkung ein.
Die Fragebögen von 60 Betroffenen mit Malignomen im Bereich der Mundhöhle, 65 im Bereich von Oro- und Nasopharynx, 33 im Bereich von Hypopharynx und Larynx, 3 von anderen Malignomen im Kopf-Halsbereich konnten einbezogen werden.
Die Angaben von Männern und Frauen unterschieden sich nicht relevant.
Ergebnisse: Lag keine subjektive Schluckstörung vor, dann lag der Rohwert (Summe für alle Items im EAT-10) zwischen 0 und 10, im Mittel bei 1 und im Median bei 0 Punkten. Schätzten die Betroffenen ihre Schluckstörung als schwer ein, dann lag der Rohwert zwischen 15 und 40, im Mittel bei 14,50 und im Median bei 14 Punkten. Die erzielten Punktwerte im EAT-10 bei den einzelnen Kategorien der subjektiven Gradeinschätzung überlappten sich stark.
Sowohl in der subjektiven Gradeinschätzung als auch im Summenwert des EAT-10 stellte sich durch die stationäre Rehabilitation eine signifikante Verbesserung ein.
Schlussfolgerung: Menschen nach der Behandlung eines Kopf-Hals-Tumors erzielen durch eine stationäre Rehabilitation eine Verbesserung ihrer Schluckfähigkeit.
Text
Hintergrund
Schluckstörungen (Dysphagien) zählen zu den häufigsten und belastendsten Folgen von Kopf-Hals-Tumoren und deren Behandlung. Zur Erfassung der Beschwerden von Patient*innen („patient related outcome measures“, PROM) stehen verschiedene standardisierte Fragebögen bei Schluckstörungen zur Verfügung. Der EAT-10 eignet sich für Betroffene mit Kopf-Hals-Tumoren [1]. Der EAT-10 ist hierbei eines der international am häufigsten eingesetzten Verfahren und wurde auch für deutschsprachige Patient*innen mit Kopf-Hals-Tumoren validiert.
Ziel der vorliegenden Arbeit war der Vergleich der subjektiven Störungsgrade für die Schluckstörung („keine“, „geringgradige“, „mittelgradige“ oder „hochgradige“ Dysphagie) mit den Ergebnissen des EAT-10 bei Patient*innen nach der Therapie von Kopf-Hals-Tumoren zu Beginn und nach Abschluss einer stationären phoniatrischen Rehabilitation.
Material und Methoden
In die Untersuchung wurden 161 Patient*innen eingeschlossen, darunter 116 Männer und 45 Frauen, die wegen maligner Tumoren im Kopf-Hals-Bereich behandelt worden waren. Die Erhebung erfolgte jeweils zu Beginn (prä) sowie nach Abschluss der stationären phoniatrischen Rehabilitation (post).
Die Patient*innen füllten den EAT-10-Fragebogen aus und 133 von ihnen schätzten zusätzlich subjektiv den Schwergrad ihrer Schluckstörung ein, und zwar in vier Kategorien:
- keine Schluckstörung
- geringgradige Schluckstörung
- mittelgradige Schluckstörung
- hochgradige Schluckstörung
Die Fragebögen von 60 Betroffenen mit Malignomen im Bereich der Mundhöhle, 65 im Bereich von Oro- und Nasopharynx, 33 im Bereich von Hypopharynx und Larynx, 3 von anderen Malignomen im Kopf-Halsbereich konnten einbezogen werden.
Analysiert wurden Mittelwerte, Mediane, Minimal- und Maximalwerte der EAT-10-Summenwerte sowie deren Veränderungen zwischen prä- und posttherapeutischer Untersuchung. Zusätzlich erfolgte die Auswertung nach Geschlecht, Tumorlokalisation und subjektiver Schweregradeinschätzung.
Ergebnisse
Patient*innen ohne subjektive Schluckstörung erreichten EAT-10-Werte zwischen 0 und 10 Punkten, mit einem Median von 0 Punkten. Solche, die ihre Schluckstörung als mittelgradig einschätzten, gaben im EAT-10 zwischen 4 und 29 Punkte mit einem Median von 18 an, solche, die ihre Dysphagie als hochgradig einschätzten, erreichten Werte zwischen 15 und 40 Punkten mit einem Median von 28 Punkten.
Wie Abbildung 1 [Abb. 1] für die prätherapeutischen Antworten und Abbildung 2 [Abb. 2] für die posttherapeutischen Antworten wiedergeben, zeigte sich eine deutliche Überlappung der EAT-10-Werte zwischen den einzelnen subjektiven Schweregraden.
Abbildung 1: Ergebnisse im EAT-10 in Abhängigkeit vom subjektiven Schweregrad prätherapeutisch
Abbildung 2: Ergebnisse im EAT-10 in Abhängigkeit vom subjektiven Schweregrad posttherapeutisch
Sowohl in der subjektiven Gradeinschätzung als auch im Summenwert des EAT-10 stellte sich durch die stationäre Rehabilitation eine signifikante Verbesserung ein. Mittelwerte und Mediane sind der Tabelle 1 [Tab. 1] zu entnehmen. Beide Geschlechter verbesserten sich im EAT-10-Gesamtwert, die Männer stärker.
Tabelle 1: Mittelwerte und Mediane der Angaben im EAT-10 für die verschiedenen subjektiven Schweregrade und die ganze Gruppe, prä- und posttherapeutisch.
Die stärkste Verbesserung durch die Rehabilitationsmaßnahme zeigte sich nach der Behandlung von Tumoren im Oro- und Nasopharynx. Patient*innen mit hochgradiger Dysphagie zeigten die größten Verbesserungen der EAT-10-Werte (Mittelwertdifferenz -3,68), während Betroffene ohne subjektive Dysphagie teilweise sogar leichte Verschlechterungen angaben.
Diskussion
Die Ergebnisse zeigen, dass Patient*innen nach Therapie eines Kopf-Hals-Tumors von einer stationären phoniatrischen Rehabilitation profitieren. Sowohl die subjektive Einschätzung des Störungsgrades als auch die standardisierte Erfassung mittels EAT-10 verbesserten sich im Verlauf der Behandlung.
Die starke Überlappung der EAT-10-Werte zwischen den subjektiven Schweregraden verdeutlicht jedoch, dass beide Arten der Befragung offenbar unterschiedliche Aspekte erfassen.
Interessant ist zudem die unterschiedliche Verbesserung je nach Tumorlokalisation. Besonders stark Betroffene nach der Therapie von Oro- und Nasopharynxtumoren profitierten von der Rehabilitation, während nach Hypopharynx- und Larynxtumoren geringere Verbesserungen beobachtet wurden. Dies könnte auf schwerwiegendere funktionelle Einschränkungen in diesen anatomischen Regionen zurückzuführen sein.
Fazit/Schlussfolgerung
Patient*innen nach der Behandlung eines Kopf-Hals-Tumors zeigten durch eine stationäre phoniatrische Rehabilitation eine signifikante Verbesserung ihrer subjektiv wahrgenommenen Schluckfähigkeit, sowohl bei der Erhebung mit dem EAT-10 als auch bei der subjektiven Einschätzung eines Schweregrades.



