42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Evaluation objektiver Stimmparameter bei Stimmlippenzysten im Therapieverlauf – eine zentrumsbasierte retrospektive Kohortenstudie
Abstract
Hintergrund: Stimmlippenzysten sind benigne Raumforderungen der Stimmlippen, die durch mechanische Beeinträchtigung des Schwingungszyklus zu Dysphonie und eingeschränkter stimmlicher Belastungsfähigkeit führen. Die chirurgische Mikroentfernung stellt den Therapiestandard dar, wobei wiederholte Eingriffe das Risiko einer Narbenbildung mit sich bringen. Ziel dieser Studie ist daher die prospektive Evaluation objektiver Stimmparameter im prä- und postoperativen Verlauf bei Patienten mit Stimmlippenzysten.
Material und Methode: Insgesamt wurden 35 Patientinnen und Patienten der Klinik für Audiologie und Phoniatrie der Charité – Universitätsmedizin Berlin im Zeitraum von 2012 bis 2025 eingeschlossen (23 weiblich [66%], 12 männlich [34%]; mittleres Alter: 43,0 ± 14,4 Jahre; Range: 12 bis: 83 Jahre). Bei allen Teilnehmenden erfolgten eine standardisierte Video-Strobolaryngoskopie, eine akustisch-perzeptive Beurteilung anhand der RBH-Skala sowie die Ermittlung von Grundfrequenz (F0), Jitter, Shimmer, Harmonics-to-Noise-Ratio (HNR) und Cepstral Peak Prominence Smoothed (CPPs) der Sing- und Sprechstimme mittels Praat (Version 6.4.65) sowie des DiVAS-Stimmumfangsprofils (SUM-Score). Die Datenerhebung erfolgte präoperativ sowie im Verlauf (medianer Follow-up: 3,7 Monate, Bereich 1 bis 5,5 Monate). Die statistische Analyse wurde mittels Linear-Mixed-Effects-Modellen durchgeführt.
Ergebnisse: Präoperativ wurden erhöhte Werte für Shimmer (3,26±1,9), Jitter (0,33±0,17) sowie ein reduzierter SUM-Score (74,93 Punkte) festgestellt. Die HNR lag präoperativ bei 18,9 ± 4,6 dB. Postoperativ zeigte sich eine Verbesserung aller Kernparameter: Der SUM-Score stieg um 10,9 Punkte (+29%), der Shimmer sank um 10%, die HNR verbesserte sich um 2,1 dB (+17%) und der CPPs stieg um 1,9 dB (+15%). Die Stabilisierung der Parameter erfolgte im medianen Follow-up-Intervall von 3 bis 4 Monaten nach der Operation.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse belegen die Wirksamkeit der mikrochirurgischen Therapie bei Stimmlippenzysten, die mit einer schnellen Normalisierung objektiver Stimmparameter wie Shimmer, HNR und CPPs verbunden ist. Die postoperative Verbesserung des SUM-Scores um nahezu 30% sowie die Reduktion der Perturbationsparameter im mittleren Follow-up-Intervall von 3 bis 4 Monaten weisen auf eine gute funktionelle Erholung der Stimmlippen nach vollständiger Zystenentfernung hin und unterstreichen die Bedeutung der quantitativen akustischen Verlaufskontrolle als objektives Monitoringinstrument.
Text
Hintergrund
Stimmlippenzysten sind benigne Raumforderungen der Stimmlippen, die durch eine Störung der Randkantenverschiebung zu Dysphonie, verminderter stimmlicher Belastbarkeit und erhöhter phonatorischer Anstrengung führen (z.B. [1]). Neben der subjektiven Beeinträchtigung zeigen sich häufig messbare Veränderungen akustischer Parameter. Die mikrochirurgische Exzision ist der Goldstandard der Therapie, wobei bei wiederholten Eingriffen ein erhöhtes Risiko für Narbenbildung und persistierende Dysphonie besteht [1]. Ziel dieser retrospektiven Studie ist die differenzierte Evaluation objektiver akustischer und funktioneller Stimmparameter im prä- und postoperativen Verlauf bei Patientinnen und Patienten mit Stimmlippenzysten sowie die zeitliche Charakterisierung der funktionellen Erholung.
Material und Methoden
Insgesamt wurden 35 Patientinnen und Patienten der Klinik für Audiologie und Phoniatrie der Charité – Universitätsmedizin Berlin von 2012 bis 2025 eingeschlossen (23 weiblich [66%], 12 männlich [34%]; mittleres Alter: 43,0 ± 14,4 Jahre; Range: 12–83 Jahre). Bei allen Teilnehmenden erfolgten eine standardisierte Video-Strobolaryngoskopie zur morphologischen und funktionellen Beurteilung, eine akustisch perzeptive Einschätzung anhand der RBH Skala sowie eine instrumentelle Stimmanalyse. Letztere umfasste die Bestimmung von Grundfrequenz (F0), Jitter, Shimmer, Harmonics to Noise Ratio (HNR) und Cepstral Peak Prominence Smoothed (CPPs) für Sprech und Singstimme mittels Praat (Version 6.4.65) sowie die Erhebung des Stimmumfangsprofils (SUM Score) mittels DiVAS, das als objektives Maß der stimmlichen Leistungsfähigkeit klinisch etabliert und validiert ist [2], [3]. Die Datenerhebung erfolgte präoperativ sowie im Verlauf mit einem medianen Follow up von 3,7 Monaten (Bereich: 1–5,5 Monate). Zur Analyse longitudinaler Veränderungen wurden Linear Mixed Effects Modelle eingesetzt, um intraindividuelle Verläufe adäquat abzubilden.
Ergebnisse
Präoperativ zeigten sich erhöhte Perturbationsparameter mit einem Shimmer von 3,26 ± 1,9% und einem Jitter von 0,33 ± 0,17% sowie ein reduzierter SUM Score von 74,93 Punkten, was eine eingeschränkte stimmliche Leistungsfähigkeit widerspiegelt. Die HNR lag bei 18,9 ± 4,6dB. Postoperativ zeigte sich eine konsistente Verbesserung aller Parameter: Der SUM Score stieg um 10,9 Punkte (+29%), der Shimmer reduzierte sich um 10%, die HNR nahm um 2,1dB zu (+17%) und der CPPs stieg um 1,9dB (+15%). Parallel dazu zeigte sich eine klinisch relevante Reduktion der Rauigkeit und der Behauchtheit in der RBH Bewertung. Die Stabilisierung der akustischen Parameter trat überwiegend innerhalb von 3 bis 4 Monaten nach der Operation ein, was auf eine rasche funktionelle Regeneration der Randkantenverschiebung hinweist – im Einklang mit den publizierten Verläufen nach laryngealen mikrochirurgischen Eingriffen [4].
Diskussion
Die vorliegenden Ergebnisse bestätigen die hohe Wirksamkeit der mikrochirurgischen Therapie von Stimmlippenzysten hinsichtlich objektivierbarer Stimmparameter. Insbesondere die signifikante Verbesserung von CPPs und HNR unterstreicht die Wiederherstellung einer effizienteren glottalen Schwingung sowie eines verbesserten Signal Rausch Verhältnisses. Die Reduktion von Jitter und Shimmer spricht für eine Stabilisierung der periodischen Schwingung. Die beobachtete zeitliche Dynamik mit einer Konsolidierung der Ergebnisse innerhalb weniger Monate ist klinisch relevant für die Planung der Nachsorge und der stimmtherapeutischen Intervention. Die Kombination aus akustischer Analyse und geometrischen Stimmparametern wie dem SUM Score erweist sich als geeignet, um den Therapieerfolg differenziert und objektiv abzubilden [2], [3].
Fazit
Die regelmäßige und standardisierte Erhebung objektiver Stimmparameter ist ein wertvolles Instrument in der postoperativen Nachsorge von Patientinnen und Patienten mit Stimmlippenzysten und ermöglicht eine präzise Verlaufsbeurteilung sowie eine Risikostratifizierung [5]. Die Ergebnisse sprechen für eine gute funktionelle Erholung nach mikrochirurgischer Zystenentfernung innerhalb eines definierten Zeitfensters. Zukünftige multizentrische Studien mit größeren Fallzahlen sind erforderlich, um die externe Validität zu erhöhen, Langzeitverläufe über 12 Monate hinaus zu analysieren sowie Einflussfaktoren wie Zystenlokalisation, chirurgische Technik und berufliche Stimmbelastung systematisch zu untersuchen. Zudem erscheint die Entwicklung standardisierter Nachsorge und Monitoringalgorithmen unter Einbezug objektiver akustischer Parameter sinnvoll [3].
Abbildung 1 [Abb. 1]
References
[1] Nawka T. Stimmlippenzyste. Laryngorhinootologie. 2017 Oct;96(10):676-7. DOI: 10.1055/s-0043-114751[2] Müller C. Experimentelle Untersuchungen zum neuen objektiven Stimmumfangsmaß bei Stimmgesunden und stimmerkrankten Patienten [Dissertation]. Berlin: Freie Universität Berlin; 2022. DOI: 10.17169/refubium-32421
[3] Caffier FML. Evaluation des langjährigen Einsatzes von VHI 9i und SUM in der multiparametrischen phoniatrischen Stimmfunktionsdiagnostik [Dissertation]. Berlin: Freie Universität Berlin; 2023. DOI: 10.17169/refubium-36560
[4] Song W, Caffier F, Nawka T, Ermakova T, Martin A, Mürbe D, Caffier PP. T1a Glottic Cancer: Advances in Vocal Outcome Assessment after Transoral CO2-Laser Microsurgery Using the VEM. J Clin Med. 2021 Mar 17;10(6):1250. DOI: 10.3390/jcm10061250
[5] Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V. (DGPP), et al. S2k-Leitlinie. Diagnostik und Therapie von Störungen der Stimmfunktion (Dysphonien). Registernummer 049-008. AWMF; 2022. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/049-008




