42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Einfluss von Flüsterbelastungstests auf die Schwingungsmechanismen der Stimmlippen im Kontext organischer Dysphonien
Abstract
Hintergrund: Flüstern wird in der klinischen Praxis häufig zur Reduktion stimmlicher Belastung empfohlen, insbesondere bei Patienten mit organischer Dysphonie. Gleichzeitig besteht Uneinigkeit darüber, ob Flüstern durch die Förderung fehlregulatorischer phonatorischer Muster potenziell negative Effekte auf die Stimmfunktion haben könnte. Ziel dieser Studie war es zu untersuchen, ob eine standardisierte kurzfristige Flüsterbelastung messbare Veränderungen der Stimmfunktion und der Schwingungseigenschaften der Stimmlippen bei Patienten mit organischer Dysphonie induziert.
Material und Methode: Acht Patienten mit klinisch diagnostizierten Stimmlippenraumforderungen und geplanter phonochirurgischer Intervention wurden vor sowie unmittelbar nach einem 10-minütigen Flüsterbelastungstest untersucht. Die Beurteilung der Stimmfunktion erfolgte anhand des Dysphonia Severity Index. Die Stimmlippenschwingung und phonatorische Eigenschaften wurden mittels transnasaler Hochgeschwindigkeits-Videolaryngoskopie, Elektroglottographie und akustischer Messungen analysiert. Prä-Post-Unterschiede wurden mithilfe nichtparametrischer Testverfahren unter Anwendung einer Bonferroni-Korrektur analysiert.
Ergebnisse: Alle Teilnehmenden absolvierten die Flüsterbelastung, obwohl die meisten den angestrebten Schalldruckpegel nicht konstant erreichen konnten. Es zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Messzeitpunkten im Dysphonia Severity Index, in akustischen Messwerten, in Perturbationsparametern oder in glottalen Schwingungsindizes aus Hochgeschwindigkeitsaufnahmen und Elektroglottographie. Pathologische Schwingungsmuster, die mit den zugrunde liegenden Raumforderungen zusammenhingen, waren vorhanden, zeigten jedoch keine systematischen Veränderungen infolge der Flüsterbelastung.
Schlussfolgerung: Bei Patienten mit organischer Dysphonie führte die kurzfristige Flüsterbelastung zu keinen statistisch signifikanten Veränderungen der Stimmfunktion oder der Stimmlippenschwingungsmuster. Diese Ergebnisse legen nahe, dass kurzfristiges Flüstern biomechanische oder schwingungsbezogene Beeinträchtigungen bei organischen Stimmlippenpathologien nicht akut verschlimmert.
Text
Hintergrund
Flüstern wird in der klinischen Praxis häufig als Ersatz für eine Stimmproduktion empfohlen, insbesondere bei Patienten mit organischen Stimmstörungen. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass beim Flüstern keine oder nur geringe Stimmlippenschwingungen auftreten und dadurch die Belastung der Gewebe reduziert wird [1]. Gleichzeitig wird jedoch diskutiert, ob insbesondere ein angespanntes oder forciertes Flüstern durch eine erhöhte Spannung, vor allem der Larynxmuskulatur, zu kompensatorischen Mechanismen der stimmerzeugenden Organe führen und die Stimmfunktion negativ beeinflussen könnte [2], [3]. Bislang liegen nur wenige experimentelle Daten zur unmittelbaren Wirkung des Flüsterns auf die Stimmlippenfunktion vor [4]. Untersuchungen an stimmgesunden Personen zeigten lediglich geringe Veränderungen der Stimmlippenschwingung nach Flüster-Belastungstests [5]. Es wurden leichte Anstiege der minimalen Intensität, des Glottal-Gap-Index sowie des glottalen Offenquotienten beobachtet, insbesondere bei Probanden, die angespannt flüsterten. Dies deutet auf subtile Veränderungen der laryngealen Konfiguration hin [5]. Ob vergleichbare Effekte auch bei Patienten mit organischen Stimmlippenveränderungen auftreten, ist bisher ungeklärt. Es ist anzunehmen, dass strukturelle Veränderungen der Stimmlippen die Verteilung der beim Flüstern auftretenden aerodynamischen Kräfte im Gewebe grundlegend verändern und dadurch die Anfälligkeit für Scherkräfte, Ödembildung oder maladaptive Schwingungsmuster erhöhen könnten [6], [7]. Vor diesem Hintergrund untersuchte die vorliegende Studie, ob ein zehnminütiger standardisierter Belastungstest mit forciertem Flüstern akute Veränderungen der Stimmfunktion oder der Schwingungseigenschaften der Stimmlippen verursacht. Besonderes Interesse galt dabei möglichen Veränderungen der Stimmlippenvibration, die mithilfe zeitlich hochauflösender videolaryngoskopischer Verfahren erfasst wurde.
Material und Methoden
In die Studie wurden acht Patienten (7 weibliche, 1 männlicher) mit klinisch diagnostizierten Stimmlippenraumforderungen eingeschlossen, bei denen die Indikation zur phonochirurgischen Intervention klinisch gestellt wurde. Alle Teilnehmenden absolvierten einen standardisierten Flüster-Belastungstest, bei dem sie über einen Zeitraum von zehn Minuten den Text „Das tapfere Schneiderlein“ bei einer Mindestlautstärke von 70 dB(A) gemessen im Abstand von 30 cm vortrugen [5]. Die Beurteilung der Stimmfunktion erfolgte anhand des Dysphonia Severity Index (DSI) [8]. Die Stimmlippenschwingung und phonatorischen Eigenschaften wurden wie in vorhergehenden Studien mittels transnasaler Hochgeschwindigkeits-Videolaryngoskopie, Elektroglottographie und akustischer Messungen analysiert [5], [9]. Prä-Post-Unterschiede glottaler, spektraler und akustischer Parameter wurden mithilfe des Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Tests in MATLAB (R2025a) unter Anwendung einer Bonferroni-Korrektur (m = 9) analysiert.
Ergebnisse
Alle Studienteilnehmenden konnten den Flüster-Belastungstest vollständig absolvieren. Allerdings zeigte sich, dass die angestrebte Lautstärke während des Flüsterns von 7 Personen nicht erreicht werden konnte. Die statistischen Analysen ergaben keine signifikanten Unterschiede zwischen den Messungen vor und nach dem Flüsterbelastungstest. Dies galt sowohl für den DSI als auch für sämtliche untersuchte akustische Messwerte, Pertubationsparameter und glottale Schwingungsindizes aus Hochgeschwindigkeitsaufnahmen und Elektroglottographie. Die Aufnahmen der Stimmlippenschwingungen bestätigten zwar die bei organischen Stimmlippenläsionen typischerweise vorhandenen pathologischen Schwingungsmuster, jedoch konnten nach der Flüsterbelastung keine systematischen Veränderungen dieser Muster festgestellt werden. Insgesamt fanden sich somit keine Hinweise auf eine akute Verschlechterung der Stimmfunktion oder der Schwingungseigenschaften der Stimmlippen infolge des zehnminütigen forcierten Flüsterns.
Diskussion
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass eine kurzfristige Phase forcierten Flüsterns keine messbaren negativen Auswirkungen auf die biomechanischen Eigenschaften der Stimmlippen bei organischer Dysphonie hat. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass die Effekte des Flüsterns häufig kontrovers diskutiert werden. Während einige Autoren vor möglichen Fehlbelastungen durch erhöhten muskulären Einsatz warnen [2], [3], konnten in der vorliegenden Untersuchung keine Veränderungen nachgewiesen werden. Die Resultate stehen zudem im Einklang mit früheren Untersuchungen an stimmgesunden Personen, bei denen ebenfalls nur minimale oder keine relevanten Veränderungen nach kurzen Flüsterbelastungen beobachtet wurden [5]. Gleichzeitig müssen die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden. Die Stichprobe war mit acht Personen relativ klein, wodurch die statistische Aussagekraft begrenzt ist. Zudem wurde nur die unmittelbare Wirkung einer zehnminütigen Belastung untersucht. Aussagen über langfristige oder wiederholte Flüsterbelastungen lassen sich daraus nicht ableiten. Darüber hinaus handelt es sich um eine heterogene Patientengruppe mit unterschiedlichen Ausprägungen organischer Stimmlippenveränderungen.
Schlussfolgerung
Die Studie liefert keine Hinweise darauf, dass ein standardisierter zehnminütiger Flüster-Belastungstest die Stimmfunktion oder die Schwingungseigenschaften der Stimmlippen bei Patienten mit organischer Dysphonie akut verschlechtert. Weder akustische noch elektroglottographische oder hochgeschwindigkeitsendoskopische Parameter zeigten signifikante Veränderungen nach der Belastung. Die Ergebnisse sprechen daher gegen die Annahme, dass kurzfristiges Flüstern unmittelbar schädliche Auswirkungen auf die Stimmlippenmechanik bei organischen Stimmlippenbefunden wie Polypen oder Randkantenverdickungen besitzt. Gleichzeitig unterstreichen sie die Notwendigkeit weiterer Studien mit größeren Stichproben und längeren Belastungszeiträumen, um die Rolle des Flüsterns in der klinischen Stimmtherapie abschließend beurteilen zu können.
References
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