66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie
66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie
Wann ist eine Bewegungsverbesserung nach Handverletzungen klinisch relevant? Ankerbasierte Schwellenwertbestimmung und Responderanalyse der Fingerbeweglichkeit
Text
Fragestellung: Verbesserungen der Fingerbeweglichkeit werden in der handchirurgischen Nachsorge regelmäßig gemessen. Unklar ist jedoch häufig, ab welchem Ausmaß eine Veränderung für Patienten tatsächlich klinisch relevant ist. Für objektive Bewegungsparameter fehlen bislang patientenzentrierte Schwellenwerte, die Therapieeffekte klinisch interpretierbar machen. Ziel der Studie war die ankerbasierte Bestimmung eines solchen Schwellenwerts für die Fingerbeweglichkeit (Range of Motion, ROM) sowie dessen Anwendung in einer Responderanalyse nach Handverletzungen.
Methodik: In einer monozentrischen, prospektiven, offenen, randomisierten kontrollierten Studie wurden 163 postoperative Patienten nach Frakturen und Sehnenverletzungen der Hand eingeschlossen (38 ± 15 Jahre; 74% männlich). Die Randomisierung erfolgte in eine Kontrollgruppe (KG, n = 81) mit alleiniger konventioneller Handtherapie und eine Interventionsgruppe (IG, n = 82) mit zusätzlicher smartphone-basierter Handtherapie-App. Die Fingerbeweglichkeit wurde als Gesamt-ROM des Fingers (Summe der Bewegungsumfänge von MCP-, PIP- und DIP-Gelenk) standardisiert mittels Neutral-Null-Methode erhoben. Zur Bestimmung des patientenzentrierten Schwellenwerts wurde ein ankerbasiertes Verfahren unter Verwendung einer 5-stufigen Likert-Skala zur subjektiv wahrgenommenen Veränderung eingesetzt. Die Identifikation des optimalen Cut-offs erfolgte mittels ROC-Analyse und Youden-Index. Anschließend wurde untersucht, welcher Anteil beider Gruppen diesen Schwellenwert erreichte.
Ergebnisse: Der Schwellenwert für eine klinisch relevante Verbesserung der Gesamt-ROM des Fingers (Summenwert aus MCP-, PIP- und DIP-Gelenk) lag bei 54,55° gegenüber dem Ausgangswert. Diesen Grenzwert erreichten 66,7% der Patienten in der Kontrollgruppe und 79,3% in der Interventionsgruppe. Die Wahrscheinlichkeit, eine klinisch relevante Verbesserung zu erzielen, war in der Interventionsgruppe signifikant erhöht und mehr als vervierfacht (OR 4,27; 95%-KI 1,52–13,7; p = 0,0088). Zusätzlich zeigte der Ausgangsbefund einen hochsignifikanten Einfluss auf die Response-Wahrscheinlichkeit (OR 0,98; p < 0,00001).
Schlussfolgerung: Erstmals konnte in einem größeren randomisierten Kollektiv ein evidenzbasierter, patientenzentrierter Schwellenwert für die klinisch relevante Verbesserung der Fingerbeweglichkeit nach Handverletzungen quantifiziert werden. Damit werden objektive Bewegungsdaten in der handchirurgischen Nachsorge erstmals unmittelbar klinisch interpretierbar. Der randomisierte Gruppenvergleich zeigt darüber hinaus, dass smartphone-basierte digitale Handtherapie die Wahrscheinlichkeit relevanter funktioneller Verbesserungen signifikant erhöht.



