66. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie e. V.
66. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie e. V.
Evaluation neuer Grenzwerte für die nervenschonende radikale Prostatektomie und die Lymphadenektomie auf Basis einer prospektiven externen Validierung der MSKCC- und Martini-Nomogramme
Text
Einleitung: Die radikale Prostatektomie stellt international die häufigste kurative Therapie des lokalisierten Prostatakarzinoms dar. Zentrale intraoperative Entscheidungen betreffen dabei sowohl das Ausmaß der pelvinen Lymphadenektomie (PLND) als auch die Durchführung eines nervenerhaltenden Vorgehens (Nerve-Sparing, NS). Diese Entscheidungen erfordern eine sorgfältige Abwägung zwischen onkologischer Sicherheit und funktionellen Ergebnissen. Zur präoperativen Risikostratifizierung werden häufig die beiden validierten Nomogramme des Memorial Sloan Kettering Cancer Center (MSKCC) sowie das MRT-basierte Nomogramm von Martini et al. eingesetzt, um das Risiko einer Lymphknotenmetastasierung (LNI) beziehungsweise einer extrakapsulären Tumorausdehnung (ECE) abzuschätzen. Trotz breiter Anwendung ist die externe Validierung dieser Modelle in zeitgemäßen Patientenkohorten begrenzt. Insbesondere fehlen weiterhin klinisch relevante Schwellenwerte für operative Entscheidungsfindungen. Ziel dieser Studie war die prospektive externe Validierung der MSKCC- und Martini-Nomogramme zur Identifikation von Cut-off-Werte für NS und PLND.
Methode: Es wurde eine prospektive, nicht-interventionelle Beobachtungsstudie durchgeführt. Eingeschlossen wurden Patienten, die zwischen 2020 und 2024 nach MRT-gestützter Fusionsbiopsie einer robotisch assistierten radikalen Prostatektomie unterzogen wurden. Präoperativ wurden patientenspezifische Wahrscheinlichkeiten für LNI sowie seitenbezogene ECE mittels MSKCC- und Martini-Nomogrammen berechnet. Die Leistungsfähigkeit der Nomogramme wurde anhand von ROC-Analysen, Kalibrierung, Sensitivität und Spezifität beurteilt. Optimale Schwellenwerte wurden mittels Youden-Index bestimmt.
Ergebnisse: Von 602 gescreenten Patienten erfüllten 260 die Einschlusskriterien. Das mediane Alter betrug 66 Jahre (IQR 62–71), der mediane PSA-Wert 7,75 ng/ml (IQR 5,52–12,75) bei einem medianen Prostatavolumen von 46 ml (IQR 34–65). Die D’Amico-Risikogruppen verteilten sich auf niedrig (19,5%), intermediär (51,5%) und hoch (29%). Insgesamt wiesen 78 Patienten eine pathologische ECE und 25 eine LNI (=pN ≥1) auf.
Für die Vorhersage der ECE erreichte das MSKCC-Nomogramm eine AUC von 0,772 (95% KI: 0,708–0,835). Der Youden-Index-optimierte Cut-off von 67,5% zeigte hier eine Sensitivität von 60,3% bei einer Spezifität von 83%. Das Martini-Nomogramm erzielte für die Vorhersage der ECE eine AUC von 0,743 (95% KI: 0,650–0,828) mit einem Youden-Index Schwellenwert bei 24%. Für die LNI-Vorhersage zeigte das MSKCC-Nomogramm eine sehr gute Diskriminierung (AUC 0,882; 95% KI: 0,831–0,933). Der nach Youden-Index optimale Cut-off lag bei 21,5%. Bei Anwendung des von EAU-Leitlinien empfohlenen Schwellenwerts von 5% traten keine LNI-positiven Fälle auf.
Schlussfolgerung: Die vorliegende prospektive externe Validierungsstudie bestätigt die klinische Nutzbarkeit der MSKCC- und Martini-Nomogramme und definiert relevante Cut-off-Werte für NS und PLND. Die Ergebnisse suggerieren interessanterweise höhere Schwellenwerte als bislang empfohlen. Zukünftig besteht die Notwendigkeit einer prospektiven multizentrischen Validierungsstudien (mit definierten Cut-Off Werten) zur weiteren Optimierung einer personalisierten präoperativen Entscheidungsfindung.



