188. Versammlung des Vereins Rheinisch-Westfälischer Augenärzte
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Okuläre Manifestation einer anauxetischen Dysplasie Typ 2 – ein seltener Fallbericht
Text
Hintergrund: Die anauxetische Dysplasie Typ 2 (ANXD2) ist eine extrem-seltene, autosomal-rezessiv vererbte skelettale Dysplasie, verursacht durch Mutationen im POP1-Gen. Während skelettale, dentale und kraniofaziale Manifestationen gut beschrieben sind, existieren in der Literatur kaum Daten zu möglichen okulären Beteiligungen. Die vorliegende Kasuistik beschreibt erstmals eine Patientin mit ANXD2 und ausgeprägter okulärer Manifestation, wodurch ein potenziell neuer pathophysiologischer Zusammenhang aufgezeigt wird.
Fallbeschreibung: Eine 30-jährige Patientin stellte sich mit massiver Protrusio bulbi, ausgeprägtem Staphylom, destruierter vorderer Augenabschnittsmorphologie und vollständiger funktioneller Erblindung (Visus: nulla lux) des rechten Auges vor. Sonographisch zeigte sich eine anliegende Netzhaut ohne Hinweis auf eine intraokulare Raumforderung. Am linken Auge betrug der Visus 0,5 bei nahezu unauffälligem Befund.
Systemisch zeigten sich typische Merkmale von ANXD2, darunter disproportionaler Kleinwuchs, thorakolumbale Skoliose, hypermobile Gelenke, Brachydaktylie sowie dentale Anomalien (Persistenz von Milchzähnen, Agenesie bleibender Zähne). Bemerkenswert war, dass zwei von drei Geschwistern betroffen waren, was den autosomal-rezessiven Erbgang eindrucksvoll bestätigt.
Die kraniale CT zeigte eine deutliche Bulbusvergrößerung ohne knöcherne Orbitadestruktion. Zur Schmerzprophylaxe bei drohender Druckdekompensation und zum Ausschluss einer intraokularen Raumforderung wurde die Enukleation empfohlen. Der Eingriff erfolgte komplikationslos und die postoperative Heilung verlief regelrecht. Histopathologisch zeigte sich eine eitrige Keratitis sowie ausgeprägter Destruktion der Hornhautstrukturen, jedoch kein Hinweis auf eine maligne Entartung.
Diskussion: Pathophysiologisch gehört die Erkrankung zum Cartilage-Hair-Hypoplasia–Anauxetic-Dysplasia(CHH–AD)-Spektrum, das durch Defekte im RNase-MRP/RNase-P-Komplex gekennzeichnet ist. Innerhalb dieses Spektrums werden zwei Hauptformen unterschieden: ANXD1 (RMRP-Mutationen) mit häufigem Auftreten von Immundefizienzen, hämatologischen Störungen und erhöhtem Malignomrisiko sowie ANXD2 (POP1-Mutationen), die typischerweise mit einer schweren spondylo-epi-metaphysären Dysplasie, dentalen Fehlbildungen und ohne relevante Immundefizienz einhergeht. Unsere Patientin entsprach eindeutig dem ANXD2-Phänotyp. Die ausgeprägte okuläre Manifestation in diesem Fall legt einen bislang nicht beschriebenen Zusammenhang zwischen POP1-bedingter extrazellulärer Matrixstörung und struktureller Instabilität der Sklera nahe.
Schlussfolgerung: Die anauxetische Dysplasie Typ 2 könnte auch mit schweren okulären Strukturveränderungen einhergehen und sollte bei atypischen bulbären Deformitäten differenzialdiagnostisch erwogen werden. Eine frühzeitige interdisziplinäre Diagnostik sowie genetische Abklärung sind essenziell.



