99. Versammlung des Vereins Rhein-Mainischer Augenärzte
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KI liest Patientenakten: Was lernen wir aus 1.000 retinalen Gefäßverschlüssen?
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Hintergrund: Retrospektive Aktenauswertungen sind zeitaufwendig, und gescannte Bestandsakten lassen sich kaum strukturiert erschließen. Wir untersuchten, ob ein lokal betriebenes großes Sprachmodell (Large Language Model, LLM) Bestandsakten zu retinalen Gefäßverschlüssen mit vertretbarem ärztlichem Aufwand in eine Forschungsdatenbank überführen kann und welche klinischen Beobachtungen sich daraus ergeben.
Methoden: Retrospektive Single-Center-Studie. 1.105 PDF-Akten stationärer Patienten mit ICD H34.* wurden mit einem Open-Source-LLM (Qwen 3.8, 27B), lokal auf einer GPU-Workstation betrieben, anhand eines iterativ optimierten Prompts in 182 Variablen extrahiert. Unsichere Angaben wurden markiert und ärztlich in der Primärquelle geprüft; 50 zufällig gezogene Fälle (9.100 Felder) wurden vollständig validiert. Venöse Verschlüsse wurden nach Alter (< 50, 50–75, > 75 Jahre) stratifiziert und mit publizierten Kohorten verglichen.
Ergebnisse: Die Extraktion benötigte im Median 2:20 min pro Akte (≈ 43 h Rechenzeit); die Übereinstimmung mit der ärztlichen Validierung lag bei ≈ 89 – 96 %. Der ärztliche Aufwand sank von geschätzt ≈ 800 h manueller Extraktion auf ≈ 75 h Prüfung. Von 939 Indexfällen waren 579 venös und 334 arteriell; arterielle Verschlüsse zeigten häufiger KHK (26 vs. 14%), TIA/Schlaganfall (26 vs. 9%) und Carotisstenosen ≥ 50% (27 vs. 4%; jeweils p < 0,001). In der stationären RVO-Kohorte (n = 577) betrug der CRVO-Anteil 49,7% – vergleichbar mit einer stationären Mainzer Kohorte (p = 0,57), aber deutlich höher als in populationsbasierten Daten (25%). Über die Altersgruppen waren Makulaödem (81/85/84%) und Subtypverteilung ähnlich, während Aufnahmevisus (logMAR-Median 0,5/0,5/1,0) und Komorbidität (z.B. arterielle Hypertonie 41/87/97%) deutlich divergierten (p < 0,001). Jüngere wurden am intensivsten abgeklärt (Thrombophiliediagnostik 90/64/51%); neue kardiale oder major-thrombophile Hochrisikobefunde fanden sich jedoch bei 0/39 Patienten unter 50 Jahren gegenüber 15/213 (7%) über 75 Jahren.
Schlussfolgerung: Ein lokal betriebenes LLM macht große Bestandsaktenkohorten mit vertretbarem ärztlichem Prüfaufwand auswertbar. Die Daten bestätigen bekannte Zusammenhänge und spiegeln die eigene Versorgungspraxis: Real-World-Daten sind im Kontext ihrer Patientenauswahl zu lesen, und die systemische Abklärung bei RVO sollte risikoadaptiert statt altersgetrieben erfolgen.



