Logo

Deutscher Rheumatologiekongress 2026

54. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie (DGRh), 36. Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie (GKJR), 40. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Rheumatologie (DGORh)
09.-12.09.2026
Leipzig

Meeting Abstract

Barrieren und Bedarfe der Bewegungstherapie bei rheumatischen Erkrankungen – Implikationen für die Entwicklung einer digitalen Intervention (RELIEV)

Andrea Stölting - Medizinische Hochschule, Rheumatologie und Immunologie, Hannover, Deutschland; Regionales Kooperatives Rheumazentrum Niedersachsen e.V., Hannover, Deutschland
Alexandra Dopfer-Jablonka - Medizinische Hochschule, Rheumatologie und Immunologie, Hannover, Deutschland; Regionales Kooperatives Rheumazentrum Niedersachsen e.V., Hannover, Deutschland
Christine Happle - Medizinische Hochschule, Zentrum Kinderheilkunde und Jugendmedizin, German Center for Lung Research, DZL-BREATH, Hannover, Deutschland; Medizinische Hochschule, Rheumatologie und Immunologie, Hannover, Deutschland
Georg Behrens - Regionales Kooperatives Rheumazentrum Niedersachsen e.V., Hannover, Deutschland; Medizinische Hochschule, Rheumatologie und Immunologie, Hannover, Deutschland
Nadja Wegner - Medizinische Hochschule, Rheumatologie und Immunologie, Hannover, Deutschland
Tim Benedikt Riester - Universitätsmedizin Göttingen, Allgemeinmedizin, Göttingen, Deutschland
Frank Müller - Universitätsmedizin Göttingen, Allgemeinmedizin, Göttingen, Deutschland
Fabian Fischer - Physiotherapie SAO, Hildesheim, Deutschland
Annabelle Vakilan - Gesundheitsamt Hildesheim, Hildesheim, Deutschland
Torge-Christian Wittke - Medizinische Hochschule, Rheumatologie und Immunologie, Hannover, Deutschland; Regionales Kooperatives Rheumazentrum Niedersachsen e.V., Hannover, Deutschland

Text

Einleitung: Bewegungstherapie ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung rheumatischer Erkrankungen [1], zeigt im Versorgungsalltag jedoch häufig keine nachhaltige Wirksamkeit [2]. Im Projekt „Rheumaerkrankungen Langfristig Interdisziplinär Entlasten und Vorbeugen“ (RELIEV) wird daher eine digital unterstützte Bewegungstherapie-App entwickelt, um bestehende Versorgungshindernisse zu adressieren. Zur bedarfsgerechten Konzeption der Intervention wurden patientenseitige Bedarfe und Barrieren systematisch erhoben und in die Planung der App sowie der Pilotstudie überführt.

Methoden: In zwei rheumatologischen Schwerpunktpraxen wurde eine Querschnittsbefragung zu Erfahrungen mit Physiotherapie, Heimübungen und der Akzeptanz digitaler Zusatzangebote durchgeführt. Offene Angaben wurden inhaltsanalytisch ausgewertet. Explorativ wurden Zusammenhänge mit Alter, Geschlecht, Schmerzintensität und Fatigue analysiert. Die Ergebnisse wurden zur bedarfsgerechten Entwicklung der RELIEV-App sowie zur Konzeption einer prospektiven einarmigen Pilotstudie (n = 50, Dauer: 10 Wochen) genutzt.

Ergebnisse: Es wurden 929 Patient:innen eingeschlossen (69,2% weiblich; Alter 54,1±13,6 Jahre) (Abbildung 1 [Abb. 1]). 59,3% berichteten über vorherige Physiotherapie. Hinsichtlich des Langzeiteffekts beschrieben 28,9% einen deutlichen und 41,2% einen partiellen nachhaltigen Nutzen, während 24,2% keinen oder keinen relevanten langfristigen Nutzen angaben.

Abbildung 1: Begrenzte Nachhaltigkeit der konventionellen Bewegungstherapie bei gleichzeitigen Barrieren und hoher Offenheit für digitale Unterstützung (n=929 Patient:innen)

Als zentrale Barrieren wurden ein zu geringer Behandlungsumfang (44,1%), mangelnde Alltagskompatibilität (17,6%), Schmerzen bzw. Erschöpfung/Fatigue (17,6%) sowie eine unzureichende Passung der Übungen (14,7%) identifiziert. Heimübungen waren 68,3% vermittelt worden, wurden jedoch nur von 62,3% über mehrere Wochen regelmäßig durchgeführt.

Einer digitalen Unterstützung standen 29,6% klar positiv und weitere 30,3% grundsätzlich offen gegenüber. Zentrale Anforderungen an ein digitales Übungsprogramm waren klare Erklärungen (47,9%), Videoformate (43,1%) und kurze Sequenzen (41,3%).

Die Offenheit gegenüber digitalen Angeboten war mit jüngerem Alter (ρ = -0,14; p < 0,001) und höherer Fatigue (ρ = 0,08; p = 0,011) assoziiert.

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse sprechen für den Bedarf an digitalen, patientenzentrierten und niedrigschwelligen Ergänzungen zur konventionellen Bewegungstherapie. RELIEV adressiert zentrale Versorgungshindernisse wie begrenzten Behandlungsumfang sowie alltags- und symptomassoziierte Barrieren durch kurze, alltagskompatible und individualisierbare Module. Die laufende Pilotstudie untersucht Nutzbarkeit, Akzeptanz und Alltagsintegration der App als Grundlage einer späteren kontrollierten Evaluation.

Offenlegungserklärung: Gefördert durch die NBank – Investitions- und Förderbank Niedersachsen aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+), Programm ‚Soziale Innovationen in Niedersachsen‘.


Literatur

[1] Rausch Osthoff AK, Niedermann K, Braun J, Adams J, Brodin N, Dagfinrud H, Duruoz T, Esbensen BA, Günther KP, Hurkmans E, Juhl CB, Kennedy N, Kiltz U, Knittle K, Nurmohamed M, Pais S, Severijns G, Swinnen TW, Pitsillidou IA, Warburton L, Yankov Z, Vliet Vlieland TPM. 2018 EULAR recommendations for physical activity in people with inflammatory arthritis and osteoarthritis. Ann Rheum Dis. 2018 Sep;77(9):1251-1260. DOI: 10.1136/annrheumdis-2018-213585
[2] Katz P, Andonian BJ, Huffman KM. Benefits and promotion of physical activity in rheumatoid arthritis. Curr Opin Rheumatol. Mai 2020;32(3):307–14. DOI: 10.1097/BOR.0000000000000696