38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
Silikonöl-assoziierte Visusminderung bei Ablatio mit anliegender Makula – hat die Dauer der Endotamponade einen Einfluss auf das Ergebnis?
Text
Ziel: Die unklare Visusminderung (unexplained visual loss, UVL) in Assoziation mit Silikonöl (SiO) ist ein seltenes, aber gravierendes Phänomen nach Ablatio-Chirurgie. Insbesondere nach pars-plana-Vitrektomie (ppV) bei Ablatio mit anliegender Makula besteht ein erhöhtes Risiko für eine irreversible Sehminderung definiert als Verlust von mindestens 2 Zeilen (in der Literatur Inzidenz bis zu 50%). Gleichzeitig ist die Pathophysiologie des UVL weiterhin ungeklärt, wobei es Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Dauer der Tamponade gibt. Aufgrund zunehmender Fallberichte von UVL wurde an unserer Klinik ab 2020 eine Verkürzung der Tamponade mit SiO bei Fällen mit anliegender Makula etabliert. Diese Arbeit zielt darauf ab, den Effekt einer verkürzten Tamponade (≤ 60 Tage) im Vergleich zur Langzeittamponade mit SiO (> 60 Tage) hinsichtlich anatomischer und funktioneller Ergebnisse zu untersuchen.
Methode: Anhand einer retrospektiven Auswertung aller Ablationes mit anliegender Makula, die im Zeitraum von 1/2020–12/2025 mittels ppV und primärer SiO Tamponade versorgt wurden, sollen funktionelle und anatomische Resultate analysiert werden. Eingeschlossen wurden alle Augen mit stringent dokumentiertem klinischem Verlauf, Fundusskizze und OCT-Bildgebung sowie einem minimalen Follow-up Zeitraum von 2 Monaten nach der Entfernung des SiO. Bei 25 Augen (68%) wurde die Entfernung von SiO innerhalb von 60 Tagen nach primärer OP durchgeführt. Aufgrund organisatorischer Umstände (Corona-Situation, OP-Kapazität) oder Patienten-assoziierter Faktoren (Terminverschiebung, Erkrankung) verblieb bei 12 Augen (32%) das Silikonöl länger als 60 Tage. Diese beiden Gruppen (Gruppe 1, n = 25: Kurzzeittamponade vs. Gruppe 2, n = 12: Langzeittamponade) wurden hinsichtlich der Visusentwicklung und des Auftretens postoperativer Komplikationen (insbesondere Häufigkeit von UVL) miteinander verglichen. Voroperierte Augen (ausgenommen unkomplizierte Katarakt-OP) wurden ausgeschlossen.
Ergebnis: Bei 37 Augen (57% rechts) von 36 Patienten (75% Männer) mit einem mittleren Alter von 59 Jahren (SD 14,6) erfolgte aufgrund einer Ablatio mit anliegender Makula eine ppV mit SiO (5000 cST). Die Gründe für SiO waren: Vorliegen eines Riesenrisses (n = 22), Schisisablatio (n =7), inferiore Löcher (n = 3), vitreoretinale Dysgenesie bei Stickler-Syndrom (n = 2) und ältere Ablatio mit versteifter Netzhaut (n =2). Bei allen Augen wurde eine primäre Netzhautanlage erreicht. Eine Re-Ablatio trat nicht auf. Bei 14 von 15 phaken Augen wurde eine Phakovitrektomie durchgeführt, bei 22 Augen lag bereits eine Pseudophakie vor. Ein 19-jähriger Patient mit Ablatio wurde phak belassen und entwickelte bisher keine postoperative Linsentrübung. In Gruppe 1 (Kurzzeittamponade) wurde das SiO im Mittel nach 36 Tagen (SD 13,4; range 4–60) entfernt. In Gruppe 2 (Langzeittamponade) erfolgte die Silikonölablassung nach 92 Tagen (SD 20,9; range 61–131). In der Langzeit-Gruppe lag der bestkorrigierte Visus (BCVA) initial bei 0,3 logMAR (SD 0,21; range 0–0,7; entsprechend Dezimal 0,5) und final bei 0,5 logMAR (SD 0,34; range 0–1,0; entsprechend Dezimal 0,3), während in der Kurzzeit-Gruppe der BCVA präoperativ bei 0,3 (SD 0,29; range 0–1,0; entsprechend Dezimal 0,5) und postoperativ bei 0,3 (SD 0,28; range 0–1,0; entsprechend ebenfalls Dezimal 0,5) lag. Der finale BCVA nach Entfernung von SiO war in Gruppe 1 signifikant besser als in Gruppe 2 (p = 0,034). Hinsichtlich intraoperativer Parameter (betroffene Quadranten, Schnitt-Naht-Zeit, Verwendung von Kryo-/Laserpexie, Laserspots) und postoperativer Faktoren (minimaler/maximaler IOD, CFT während und nach SiO) fanden sich keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen. In der Kurzzeit-Gruppe 1 trat kein Fall von UVL auf, während in der Langzeit-Gruppe 2 bei 5 von 12 Augen (42%) ein UVL von durchschnittlich -4 Zeilen (SD 2,3; range -2 bis -8) ohne morphologisches Korrelat auftrat. Der mittlere Follow-up Zeitraum nach der Silikonölentfernung betrug 7 Monate (SD 6,7; range 2- 24 Monate).
Schlussfolgerung: Unsere Auswertung zeigt bei Augen mit kürzerer Silikonöltamponade (≤ 60 Tage) nach Ablatio-OP bei anliegender Makula signifikant bessere funktionelle Ergebnisse im Vergleich zur längeren Dauer der Tamponade, wobei in der Langzeit-Gruppe (> 60 Tage) in 42% eine morphologisch nicht erklärbare Visusminderung auftrat. Limitierend sei angemerkt, dass die Auswertung retrospektiv, monozentrisch und anhand einer kleinen Fallzahl erfolgte. Weiterhin ist aufgrund der Seltenheit einer primären Silikonöltamponade bei primär anliegender Makula und der individuell durch den Operateur anhand des intraoperativen Befundes festlegten Selektion der Endotamponade eine prospektive Erhebung äußerst schwierig.



