38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
38. Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft
(Neben)Wirkungen der SGLT-2-Inhibitoren und GLP-1-Analoga
Text
Ziel: Ziel des Vortrags ist eine ausgewogene, evidenzbasierte Einordnung der okulären Wirkungen und Nebenwirkungen moderner Antidiabetika der Klassen SGLT-2-Inhibitoren (Gliflozine) und GLP-1-Rezeptoragonisten (einschließlich Dual- und Triple-Agonisten). Im Zentrum steht die Frage, wie das vieldiskutierte Sicherheitssignal einer nicht-arteriitischen anterioren ischämischen Optikusneuropathie (NAION) unter Semaglutid vor dem Hintergrund des belegten systemischen und retinalen Therapienutzens zu bewerten ist und welche Konsequenzen sich für die klinische Praxis ergeben.
Methode: Es erfolgte eine strukturierte Übersicht der aktuellen Fachliteratur (Web-of-Science-Abfrage vom 28.06.2026: über 200 Publikationen innerhalb von 24 Monaten), darunter Originalarbeiten, Kohorten- und Registerstudien, systematische Reviews, Konsensus-Statements sowie regulatorische Stellungnahmen. Berücksichtigt wurden die mechanistischen Grundlagen beider Substanzklassen, die zentralen NAION-Studien (Hathaway et al. 2024, Cai et al. 2025, Abbass et al. 2025, Grauslund et al. 2025, Simonsen et al. 2024, Niazi et al. 2026), regulatorische Bewertungen (EMA/PRAC 2025) sowie das gemeinsame Konsensus-Statement von NANOS und AAO (DeParis et al. 2026). Ergänzend wurden Daten zu diabetischer Retinopathie, diabetischem Makulaödem, Glaukom, Uveitis und AMD ausgewertet (u. a. Shah et al., Hong et al., Muayad et al., Lin et al., Allan et al.). Methodische Aspekte der überwiegend retrospektiven Beobachtungsdaten, insbesondere Propensity-Score-Matching sowie mögliche Selektions- und Indikationsbias, wurden kritisch berücksichtigt.
Ergebnis: Beide Substanzklassen zeigen einen erheblichen systemischen Nutzen (Gewichtsreduktion, HbA1c-Senkung, kardiovaskuläre und renale Protektion). Für die Netzhaut ergeben sich überwiegend neutrale bis protektive Effekte: SGLT-2-Inhibitoren wirken in der frühen Pathogenese der diabetischen Retinopathie günstig (HR 0,84 für sehkraftbedrohende DR; HR 0,77 für diabetisches Makulaödem); GLP-1-RA, insbesondere Tirzepatid, zeigen ein konsistent niedrigeres DR-Risiko gegenüber Lifestyle (Risk Ratios 0,37 bis 0,86 über mehrere Endpunkte). Ein Wirkstoff-Unterschied bei sehkraftbedrohender DR ließ sich zwischen den GLP-1-RA nicht belegen.
Das NAION-Signal betrifft im Wesentlichen Erfahrungen mit Semaglutid. Der initiale Bericht (Hathaway et al., HR 4,3 bei Typ-2-Diabetes bzw. 7,6 bei Übergewicht) wurde durch nachfolgende Untersuchungen relativiert: mehrere große Kohorten zeigten keinen oder nur einen geringen Effekt (Cai et al. ohne Unterschied zu Vergleichssubstanzen; Abbass et al. mit Risk Ratios um bzw. unter 1). Skandinavische Daten bestätigen eine etwa verdoppelte Inzidenz (Simonsen et al. HR 2,81; Grauslund et al.). Die dänische Nested-Case-Control-Analyse (Niazi et al.) zeigte eine zeitabhängige Assoziation mit höchstem Risiko nach 6 bis 18 Monaten kumulativer Exposition (HR bis 3,6). Entscheidend ist aber die Einordnung des absoluten Risikos: NAION ist mit einer Inzidenz von etwa 2,3 bis 10,2 pro 100.000 Personenjahre sehr selten. Die EMA/PRAC stuft NAION als sehr seltene Nebenwirkung ein und empfiehlt ein Absetzen bei bestätigter NAION, während NANOS/AAO eine individuelle Beratung (shared decision-making) anstelle eines generellen Absetzens favorisieren.
Substanzunabhängig bleibt das Phänomen des "Early Worsening" bei rascher HbA1c-Senkung (größer 2 Prozent) von hohem Ausgangswert und vorbestehender Retinopathie relevant; maßgeblich ist der Augenstatus bei Therapiebeginn, nicht der Wirkstoff.
Schlussfolgerung: Der okuläre Nutzen-Risiko-Quotient der SGLT-2-Inhibitoren und GLP-1-Analoga fällt insgesamt klar zugunsten der Therapie aus. Das NAION-Signal unter Semaglutid ist real, in der relativen Größe jedoch aber wahrscheinlich überschätzt und bei sehr niedrigem absolutem Risiko klinisch begrenzt relevant. Statt eines reflexhaften Absetzens sind eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung, gezielte Aufklärung von Risikopatienten (Zustand nach NAION, einseitiger Visusverlust), eine Funduskontrolle vor Therapieintensivierung sowie eine schrittweise Glukosesenkung angezeigt. Maßvolle Wachsamkeit, nicht Alarmismus, ist die angemessene Haltung.



