- Conferences Overview
- Gesundheit gestalten
- Weniger ist manchmal mehr: ökologische und ökonomische Effekte der De-Implementierung einer etablierten Praxis
Gesundheit gestalten
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen
Gesundheit gestalten
Weniger ist manchmal mehr: ökologische und ökonomische Effekte der De-Implementierung einer etablierten Praxis
Text
Hintergrund: Das Gesundheitssystem trägt mit ca. 4,4% der weltweiten Netto-Treibhausgasemissionen wesentlich zur globalen Klimakrise bei. Die routinemäßige Befeuchtung von Low-Flow-Sauerstoff (≤5 L/min) ist eine traditionsbasierte Praxis, wobei ein wissenschaftlicher Nachweis von Vorteilen für die Patient:innen bislang fehlt. De-Implementierung – die systematische Abkehr von Maßnahmen ohne nachgewiesene Wirksamkeit – bietet Potenzial zur Ressourcenschonung bei gleichbleibender Versorgungsqualität.
Zielsetzung/Fragestellung: Welche klinischen, ökonomischen, personellen und ökologischen Effekte ergeben sich aus der De-Implementierung der routinemäßigen Low-Flow-Sauerstoffbefeuchtung in einem Akutkrankenhaus?
Material & Methoden: Die Evidenzbasis bildete ein Rapid Review, der Primärstudien zur Sauerstoffbefeuchtung bei ≤5 L/min synthetisierte und keinen klinisch relevanten Nutzen zeigen konnte. Auf dieser Grundlage wurde die De-Implementierung der Sauerstoffbefeuchtung im Klinikum initiiert. Retrospektiv wurden Bestelldaten, Personalzeitaufwände und Materialvolumina der Befeuchtungseinheiten sowie qualitative Rückmeldungen von Pflegepersonal und Patient:innen ausgewertet.
Ergebnisse: Im Beobachtungszeitraum 2021–2024 verzeichneten die Bestellmengen einen Rückgang von 42%, verbunden mit messbarer Kostenreduktion. Der eingesparte Personalzeitaufwand beläuft sich auf ca. 400 Arbeitsstunden jährlich. Die Verringerung des Materialvolumens um 7 m³ pro Jahr entlastet Lagerkapazitäten. Da die Produkte aus Fernost oder Nordamerika importiert werden, sind mit dem Transport zusätzliche Treibhausgasemissionen verbunden; eine Verbrauchsreduktion wirkt sich unmittelbar auf die Emissionsbilanz aus. Zusätzlich verringerten sich Kunststoffabfallmengen und Entsorgungsemissionen. Pflegepersonal und Patient:innen berichten gleichermaßen von einer wahrnehmbaren Reduktion des Lärmpegels, die sich möglicherweise positiv auf das Wohlbefinden und den Genesungsprozess auswirken könnte.
Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass evidenzbasierte De-Implementierung Effekte generiert, die weit über patient:innenrelevante Endpunkte hinausreichen. Der retrospektive Charakter der Datenerhebung ist als Limitation anzuerkennen. Zukünftige Vorhaben erfordern prospektive Designs mit a priori definierten Outcomes sowie strukturierte Forschungspartnerschaften.
Take Home Message für die Praxis: Die kritische Reflexion traditionsbasierter Routinen ist ein wirksamer Hebel nachhaltiger Gesundheitsversorgung – die im besten Fall mit einem Nutzen für Patient:innen, Personal, Budget und Klima einhergeht.
Interessenkonflikte: Keine



