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Gesundheit gestalten

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS)
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen

Meeting Abstract

Anticholinerge Belastung im höheren Alter und ihre Assoziation mit Patientenmerkmalen in der Primärversorgung: Ergebnisse einer prospektiven Kohortenstudie über fünf Jahre

Daniel Tajdar - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland
Juliane Westphal - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland
Dagmar Lühmann - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland
Martin Scherer - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland
Ingmar Schäfer - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Hamburg, Deutschland

Text

Hintergrund: Mit dem demografischen Wandel steigt die Zahl multimorbider älterer Patienten, die häufig mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen, was als Polypharmazie bezeichnet wird. Etwa die Hälfte erhält Präparate mit anticholinergen Eigenschaften, die das Risiko für kognitive Einschränkungen, Stürze und Hospitalisierungen erhöhen. Der kumulative Effekt solcher Präparate wird als anticholinerge Belastung (ACB) bezeichnet und ist mit reduzierter körperlicher und geistiger Funktion assoziiert. Frühere Studien zeigen, dass die Prävalenz anticholinerger Medikation in den letzten Jahren zugenommen hat, insbesondere durch hausärztlich verordnete Anticholinergika.

Zielsetzung/Fragestellung: Ziel dieser Studie war es, Veränderungen der ACB über fünf Jahre zu untersuchen und deren Zusammenhang mit zentralen Gesundheitsmerkmalen älterer Erwachsener zu analysieren.

Material & Methoden: Grundlage sind Daten der MultiCare-Kohortenstudie (2008–2013), einer prospektiven Beobachtungsstudie mit 158 Hausarztpraxen in Deutschland. Eingeschlossen wurden 3.189 multimorbide Personen im Alter von 65–85 Jahren. Die anticholinerge Belastung (ACB) wurde mit dem deutschen Anticholinergic Burden Score berechnet. Berücksichtigt wurden Alter, Geschlecht, Bildung (CASMIN), depressive Symptome (GDS), kognitive Leistung (LDST), gesundheitsbezogene Lebensqualität (EQ-5D-3L) sowie krankheitsgewichtete Morbidität. Die Analyse erfolgte mittels multilevel-gemischter linearer Regressionsmodelle.

Ergebnisse: Insgesamt wurden 7.068 Beobachtungen aus drei Follow-ups ausgewertet. Das mittlere Alter der Teilnehmenden lag bei 74,4 ± 5,2 Jahren, 59,3% waren Frauen. Der durchschnittliche ACB-Score betrug zu Studienbeginn 1,5 ± 1,7 Punkte und blieb im Beobachtungszeitraum stabil. Dagegen waren eine höhere Anzahl von Krankheiten (Koeffizient: 0,08, 95% CI: 0,05/0,10, p<0,001), eine höhere Anzahl von depressiven Symptomen (0,04, 0,004/0,08, p=0,030), eine schlechtere kognitive Funktion (-0,03 bis -0,06/-0,001, p=0,044) und eine schlechtere gesundheitsbezogene Lebensqualität (-0,05 bis -0,08/-0,01, p=0,006) mit einem im Laufe der Zeit steigenden ACB-Score assoziiert.

Diskussion: Die Verschreibung von Anticholinergika nimmt trotz des sich verschlechternden Gesundheitszustands älterer Patienten zu, was zu erhöhten Hospitalisierungs- und Mortalitätsraten führen kann.

Take Home Message für die Praxis: Praxisnahe Empfehlungen könnten Hausärztinnen und Hausärzte für die kumulative anticholinerge Belastung sensibilisieren und beim gezielten Absetzen oder der Dosisreduktion unterstützen.

Interessenkonflikte: Keine