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33. Jahrestagung der Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie (GAA)

Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie (GAA) e. V.
29.-30.10.2026
München

Meeting Abstract

Mehr Männer als Frauen und mehr in Ost als West nutzen gewichtsreduzierende Medikamente? Analyse gewichtssenkender Arzneimittel in der privaten Krankenversicherung im Zeitverlauf 2019–2023

Nele Schneider - Univeristät zu Köln, Köln, Deutschland
Christian Jacke - Wissenschafliches Institut der PKV, Köln, Deutschland

Text

Hintergrund/Ziel: Adipositas wird von der WHO als eigenständige Erkrankung eingeordnet. Die Zahl adipöser Menschen in Deutschland steigt, und mit ihr die metabolische Krankheitslast. Parallel gewinnen Arzneimittel mit gewichtssenkender Wirkung an Bedeutung, insbesondere GLP-1-Rezeptor-Agonisten. In der privaten Krankenversicherung (PKV) gelten im Vergleich zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) andere Rechtsquellen, aber mit ähnlichen Folgen für die Leistungsbeurteilung. Erstattet wird nur, was im Einzelfall medizinisch notwendig und vertraglich eingeschlossen ist. In der GKV sind reine gewichtssenkende Arzneimittel pauschal ausgeschlossen (SGB V § 34). Vor diesem Hintergrund verfolgt diese Arbeit das Ziel, das reale Versorgungsgeschehen von gewichtssenkenden Arzneimitteln in der PKV abzubilden.

Methoden: Als Basis dienten die pseudonymisierte Arzneimittelrechnungsdaten von 17 PKVen, die sich auf den Zeitraum 2019 bis 2023 bezogen. Von den ca. 300 Mio. Datensätzen wurden die Arzneimittel derjenigen Personen eingeschlossen, die mindestens eine Substanz von einer breiten Liste von gewichtsreduzierenden Wirkstoffen. In die Auswertungen gingen insbesondere die GLP-1-Agonisten. Die Sekundärdaten lagen als Individualdaten vor und erlaubten die Schätzung von Behandlungsprävalenz, Verordnungsvolumen (DDD) sowie Alters-, Geschlechts- und Regionaleffekte auf Ebene der Bundesländer, deskriptiv und mittels logistischer Regression.

Ergebnisse: Die Behandlungsprävalenz der Versicherten mindestens eines gewichtssenkenden Arzneimittels (DDD) stieg im Betrachtungszeitraum an. Die Prävalenz der GLP-1-Agonisten verdreifachte sich nahezu. In beiden Geschlechtern konzentriert sich die Inanspruchnahme auf das mittlere und höhere Lebensalter, unter 40 Jahren blieb sie gering. Männer stellen rund drei Viertel der Personen mit mindestens einer Verordnung, auch altersadjustiert bleibt ihre höhere Verordnungswahrscheinlichkeit bestehen (OR = 1,67, 95-%-KI 1,66–1,69). Zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt sich dabei ein deutliches Gefälle. In den ostdeutschen Bundesländern werden gewichtssenkende Arzneimittel häufiger in Anspruch genommen als in den westdeutschen.

Diskussion/Schlussfolgerung: Der medizinische Bedarf und die Versorgung mit GLP-1 Agonisten wächst in ganz Deutschland, nicht nur für die Privatversicherten. Eine Unterscheidung zwischen Indikationen (Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2) kann infolge der fehlenden Diagnosen in den PKV-Daten nicht vorgenommen werden. Eine Erstattung für Adipositas erfolgt im Rahmen der Kulanz und gelegentlich nach Fallprüfung, obwohl der § 34 SGB V für die PKV nicht gilt. Nach Vorliegen einer gesicherten DM2-Diagnose gelten die gleichen Erstattungsregeln wie in der GKV. Die PKV-Prävalenzen, v.a. die Geschlechterverhältnisse, sind aufgrund struktureller Unterschiede nicht auf die GKV übertragbar. Sekundärdaten aus der GKV beziehen sich nur auf DM2-Patienten, nicht aber auf adipöse Patienten. Es fehlen die Daten der Selbstzahler beider Kostenträgerarten. Aus Sicht der Versorgung eint die PKV und GKV außerdem eine fehlende systematische und zielgerichtete frühe Adipositasprävention. Erforderlich ist ein multimodales und stufenweises Konzept über alle Lebens- und Versorgungsbereiche, das auch moderne Medikamente einschließen kann – aber nicht muss.