Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
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Guideline-Traceability bei der Indikationsstellung zur Knie-Totalendoprothese: Prospektive Evaluation einer strukturierten digitalen Anamnese
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Zielsetzung und Fragestellung: Die leitlinienbasierte Indikationsstellung zur Knie-Totalendoprothese (K-TEP) erfordert die strukturierte Erfassung klinischer Kriterien, deren vollständige Dokumentation im klinischen Alltag häufig durch begrenzte Konsultationszeit eingeschränkt ist. Ziel dieser Studie war es zu untersuchen, ob eine digitale, leitlinienbasierte Anamnese guideline-relevante Kriterien vollständig erfassen, Dokumentationslücken sichtbar machen und die Übereinstimmung zwischen guideline-basierter Indikationsbestätigung und ärztlicher Entscheidungsfindung abbilden kann.
Material und Methoden: Prospektive Beobachtungsstudie mit 60 konsekutiv eingeschlossenen erwachsenen Patientinnen und Patienten in einer endoprothetischen Sprechstunde. Randomisierung zu Chatbot- (n = 27) oder Avatar-basierter (n = 33) digitaler Anamnese vor der ärztlichen Konsultation (Abbildung 1 [Abb. 1]). Behandelnde Ärztinnen und Ärzte hatten keinen Zugriff auf die digitalen Ergebnisse. Die tool-basierte Leitlinienbestätigung erfolgte deterministisch anhand der deutschen S2k-Kriterien (Erfüllung aller Hauptkriterien, keine Kontraindikationen). Ärztliche Indikationen wurden aus den Arztbriefen übernommen. Fehlende Dokumentation wurde quantifiziert; die Übereinstimmung mittels Prozent-Agreement und Cohen’s κ bewertet. Follow-up-Daten nach 3–12 Monaten wurden telefonisch erhoben.
Ergebnisse: Die Übereinstimmung zwischen tool-basierter Leitlinienbestätigung und ärztlicher Indikation betrug 68,3% (κ = 0,36) und war zwischen Avatar- und Chatbot-System vergleichbar (Avatar 66,7%, κ = 0,33; Chatbot 70,4%, κ = 0,39). In diskordanten Fällen wurde häufiger ärztlich zur Operation geraten als durch die tool-basierte Empfehlung. Die ärztliche Routinedokumentation zeigte relevante Lücken bei mehreren Hauptkriterien (konservative Therapie 70,0% dokumentiert, QoL 58,3%, subjektiver Leidensdruck 63,3%) sowie ausgeprägte Defizite bei funktionellen und biomechanischen Nebenkriterien, während die digitale Anamnese eine vollständige strukturierte Erfassung aller Kriterien ermöglichte. Nach K-TEP (n = 28) berichteten Patientinnen und Patienten überwiegend günstige postoperative Outcomes ohne signifikante Unterschiede zwischen Fällen mit tool-basierter Empfehlung und Fällen mit ausschließlich ärztlicher Indikation.
Diskussion und Schlussfolgerung: Digitale Anamnesesysteme ermöglichen eine vollständige und standardisierte Erfassung leitlinienrelevanter patientenberichteter Informationen. Zeitbedingte Dokumentationslücken schränken häufig die retrospektive Nachvollziehbarkeit leitlinienbasierter Indikationsentscheidungen ein, obwohl klinische Entscheidungsprozesse vielfach leitlinienkonform erfolgen. Digitale strukturierte Datenerfassung kann Transparenz, Qualitätssicherung und Konsistenz der Indikationsstellung verbessern, den Dokumentationsaufwand reduzieren und klinische Abläufe effizienter gestalten. Perspektivisch können solche Systeme als präklinische Triageinstrumente eine strukturierte Vorselektion zwischen konservativen und operativen orthopädischen Versorgungswegen unterstützen.




