Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Der Einfluss des biologischen Geschlechts auf Verletzungsmuster und -schwere bei Schockraumpatienten
Text
Zielsetzung und Fragestellung: Während geschlechtsspezifische Unterschiede in den Outcomes nach einem Trauma gut belegt sind, ist der Einfluss des biologischen Geschlechts im Vergleich zu konstitutionstypischen Variablen wie Adipositas für die initiale Verletzungsschwere bislang unzureichend verstanden. Ziel dieser Studie war es, den unabhängigen Einfluss des biologischen Geschlechts auf die Verletzungsart und -schwere von Schockraumpatienten zu untersuchen.
Material und Methoden: Es wurde eine retrospektive Kohortenstudie mit 2.128 erwachsenen Traumapatienten im Schockraum durchgeführt (Männer: n = 1.570; Frauen: n = 558). Prädiktoren für mittelschwere und schwere Gesamtverletzungen (Injury Severity Score [ISS] ≥ 9) sowie schwere Verletzungen einzelner Körperregionen (Abbreviated Injury Scale [AIS] ≥ 3) wurden mittels univariater und multivariater binär-logistischer Regressionsmodelle analysiert. Odds ratios (OR) wurden mit 95%-Konfidenzinterval berechnet und für das Alter und das Vorliegen von Adipositas (BMI ≥ 30) adjustiert.
Ergebnisse: Das männliche Geschlecht erlitt im Vergleich zum weiblichen Geschlecht signifikant häufiger ein Hochenergietrauma (HET) (77,2% vs. 69,9%; p < 0,001) und wies in univariaten Analysen eine höhere Gesamtverletzungsschwere (ISS ≥ 9) auf (69,1% vs. 63,8%; p = 0.023). In allen adjustierten Modellen erwies sich das männliche Geschlecht als unabhängiger Prädiktor für folgende schwerwiegende Traumafolgen: ISS ≥ 9 (OR = 1,33; p = 0,010), AIS ≥ 3 für Thorax/Wirbelsäule (OR = 1,38; p = 0,003) sowie AIS ≥ 3 für das Gesicht (OR = 1,78; p = 0,020). Ein HET war sowohl für ISS ≥ 9 (OR = 1,27; p = 0,034) als auch für AIS ≥ 3 im Bereich Thorax/Wirbelsäule (OR = 2,40; p < 0,001) ein unabhängiger Prädiktor. Einen Einfluss von Adipositas auf die Verletzungsschwere konnte nicht nachgewiesen werden.
Diskussion und Schlussfolgerung: Das biologische Geschlecht und der Traumamechanismus stellen die primären Determinanten der Gesamtverletzungsschwere und der Verletzungsschwere einzelner Körperregionen bei Schockraumpatienten dar. Im Gegensatz dazu zeigt Adipositas keinen Einfluss auf die initiale Verletzungsschwere. Diese Ergebnisse legen nahe, dass Sexualdimorphismen in Biomechanik, Skelettgeometrie und Geweberesilienz der erhöhten Vulnerabilität des männlichen Geschlechts beim akuten Trauma zugrunde liegen könnten.



