Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
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Jenseits altersbezogener Benachteiligung: Untertriage, Geschlechterverschiebung, Patientenwille und persistierende Versorgungslücken in der Behandlung geriatrischer Schwerverletzter – eine Analyse von 149.244 Patienten des TraumaRegister DGU®
Text
Zielsetzung und Fragestellung: Der demographische Wandel führt zu einer rasch wachsenden Zahl geriatrischer Schwerverletzter. Frühere Analysen des TraumaRegister DGU® (TR-DGU) zeigten ein zurückhaltenderes Traumamanagement bei Älteren. Ziel der Studie war es daher auf Basis aktueller Daten (2011–2024) zu untersuchen, inwieweit Unterschiede in Triage, diagnostischem und operativem Management sowie in den Outcomes geriatrischer Trauma-pat. tatsächlich auf altersbezogene Benachteiligung zurückzuführen sind. Dabei sollten insbes. alters- und geschlechtsspezifische Mechanismen, die Häufigkeit von Untertriage sowie der Einfluss von Therapiebegrenzungen auf Mortalität, Morbidität und Entlassungsziel analysiert werden.
Material und Methoden: Retrospektive Analyse des TR-DGU (2011–2024). Einschluss: DE, ISS ≥ 9, intensivmed. Behandlung o. Tod im Schockraum, Zuverlegung; Ausschluss: Frühverlegungen (<48 h) (n = 149.244). Kollektive: Kontrollgruppe (18–30 Jahre); Altersgruppen 60–69, 70–79, 80–89 und ≥90 Jahre. Untersucht wurden Unfallmechanismen, Verletzungsmuster, OP-Versorgungsrate (stratifiziert nach AIS_max), Zielklinik (Level I–III bei GCS ≤ 13), Outcome (Mortalität, Time-to-Death, MOF, Entlassziel) sowie Geschlechterunterschiede. Interpetation der Ergebnisse im Kontext der Daten zum Pat.-willen.
Ergebnisse: Der Anteil der ≥60-Jährigen stieg von 33,7% (2011) auf 50,0% (2024). In allen Altersgruppen ≥60 Jahre waren Low-Falls (<3 m) häufigste Ursache, bei ≥80-Jährigen dominierten Frauen. Trotz vergleichbarer ISS-Verteilung nahm die OP-Rate mit dem Alter in allen AIS_max-Schweregraden ab. Bei präklinischem GCS ≤ 13 wurden 2,4% der 18–30-Jährigen, jedoch 6,7% der ≥90-Jährigen primär in Level-III-Zentren aufgenommen, was eine altersabhängige Untertriage belegt. Die Krankenhausmortalität stieg von 7,3–7,9% (18–30 J.) auf 36,7–36,9% (≥80 J.), bei gleichzeitiger Übersterblichkeit gegenüber der RISC-Prognose (+6,1 Prozentpunkte in der Gruppe ≥80 J.). Verstorbene Ältere wiesen eine etwa doppelt so lange Time-to-Death auf wie Jüngere (~8 vs. 4 Tage). Parallel zeigt sich ein deutlicher Anstieg dokumentierter Therapielimitierungen ab 2015, die in den Registerdaten jedoch noch nicht systematisch abbildbar sind.
Diskussion und Schlussfolgerung: Die „geriatrische Traumawelle“ ist Realität. Ältere, insbesondere hochbetagte und überwiegend weibliche Pat. nach Niedrigenergie-Sturz stellen inzwischen die Hälfte der Schwerverletzten. Persistente Untertriage, sinkende OP-Raten und verlängerte, häufig institutionalisierende Verläufe weisen auf strukturelle Defizite hin, die nicht allein durch „Frailty“ erklärbar sind. Eine rein altersbasierte Interpretation („Ageism“) greift jedoch zu kurz: Ohne systematische Erfassung des Patientenwillens bleibt eine Unterscheidung zwischen Unterversorgung und geplanter palliativer Behandlung unmöglich. Es besteht dringender Bedarf an altersspezifischen Triage-Algorithmen, klare Definition für Operations- und Palliationskriterien sowie Therapiegrenzen, um eine alterskompetente, präferenzsensitive Versorgungssteuerung zu ermöglichen.



