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42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
16.-19.09.2026
Starnberg

Vortrag

Unterstützte Kommunikation in der Medizinlehre

J. Büchs - Uniklinik RWTH Aachen, Medizinische Fakultät, Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie, Aachen, Deutschland
C. Neuschaefer-Rube - Medizinische Fakultät RWTH Aachen, Lehr- und Forschungsgebiet Phoniatrie und Pädaudiologie, Aachen, Deutschland

Zusammenfassung

Hintergrund: Unterstützte Kommunikation (UK) meint u.a. die Verständigung mit körpereigenen Zeichen, Kommunikationstafeln oder elektronischen Hilfsmitteln für Patient*innen mit schwer beeinträchtigter oder nicht vorhandener Lautsprache. Sprech- und Sprachstörungen und deren Behandlungsmöglichkeiten inklusive der Erarbeitung solcher Alternativen zur Lautsprache sind von besonderer Bedeutung für die Phoniatrie und auch darüber hinaus von medizinischer Relevanz. Dennoch findet UK bisher wenig Berücksichtigung in der Medizinlehre. Mit diesem Vortrag soll ein Überblick über zwei bereits publizierte Studien gegeben werden, die uns dem Ziel näherbringen, UK in die Medizinlehre zu implementieren.

Material und Methode: Zunächst wurde das Internet systematisch nach bereits vorhandenen E-Learning-Tools zum Thema UK durchsucht. Analysiert wurden 131 Tools verschiedener Formate auf Deutsch und Englisch nach deren Inhalten und Lernstilen. Es wurde zwischen Grundlagentools und Fortgeschrittenentools unterschieden. Aufgrund von vorhandenen Lücken wurde das AACHEN-Tool entwickelt. Es handelt sich um ein Lernvideo samt Wissensabfrage und einen Feedbackbogen, die auf Moodle bereitgestellt wurden. Die zweite Studie beschäftigte sich mit der Entwicklung des Tools und dessen Piloterprobung. 39 Studierende der Humanmedizin der RWTH Aachen nahmen an der Studie teil.

Ergebnisse: Die meisten frei verfügbaren Tools waren Webseiten (105/131, 80,2%) oder Onlinekurse (21/131, 16%). Von allen Tools waren 43,5% (57/131) Grundlagentools und 56,5% (74/131) eigneten sich für Fortgeschrittene. Tools mit performativem Lerncharakter waren eher die Ausnahme. Bei den deutschsprachigen Onlinekursen wurde keine Wissensabfrage angeboten. Die Evaluationen der Studierende über das AACHEN-Tool fielen bezüglich Inhalt und Design sehr gut aus. Die Wissensabfrage wirkte sich positiv auf das Lernen aus. Ein Wissenszuwachs durch das Tool konnte festgestellt werden. Die Studierenden bestätigten die Relevanz von UK in der Medizinlehre und wünschten sich das Tool als festen Bestandteil.

Schlussfolgerung: Bereits vorhandene E-Learning Angebote im Bereich UK für angehende Mediziner*innen weisen Lücken auf. Mit dem AACHEN-Tool wurde ein Lehrinstrument entwickelt, das Wissen zum Thema vermittelt und positiv bewertet wurde. Zukünftig soll das Tool weiter verbessert und zusammen mit Präsenzveranstaltungen angeboten werden, in denen die Studierenden verschiedene Hilfsmittel zur Kommunikation ausprobieren können.

Text

Hintergrund

Unterstützte Kommunikation (UK) bezeichnet die Verständigung mit alternativen oder ergänzenden Methoden für Patient*innen mit schwer beeinträchtigter oder nicht vorhandener Lautsprache [1]. Vor allem in der Phoniatrie begegnen uns Patient*innen, die auf körpereigene Kompensationen zur Lautsprache, Kommunikationstafeln oder sonstige Hilfsmittel zur Kommunikation angewiesen sind. Wissen über die verschiedenen Formen der UK und darüber, welche Patient*innen von welchen Hilfen profitieren können, ist wichtig für deren Beratung und Hilfsmittelversorgung. UK ist in der Medizinlehre bisher kaum vertreten. Zunächst gingen wir der Frage nach, welche E-Learning-Tools es im Bereich UK gibt, die in der Lehre oder im Selbststudium zum Einsatz kommen können [2]. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen wurde ein neues Tool entwickelt und evaluiert [3]. Ziel ist es, die Medizinlehre mit unserem Tool zu bereichern und somit UK als festen Bestandteil einzubinden.

Material und Methode

Bei unserer systematischen Internetsuche im Sommer 2023 nach frei verfügbaren E-Learning-Tools zum Thema UK, unter Berücksichtigung von Ein- und Ausschlusskriterien, blieben 131 Tools zur Analyse übrig [2]. Untersucht wurden Formate, Inhalte, Lernstile und Lernziele für Grundlagen- und Fortgeschrittenentools [2]. Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen haben wir unser eigenes Tool speziell für Studierende der Medizin entwickelt, das AACHEN-Tool [3]. Es besteht aus einem Lernvideo samt Wissensabfrage und Feedbackbogen. Bereitgestellt wurde das Tool auf der Lern- und Lehrplattform Moodle. In den Jahren 2024 und 2025 bearbeiteten 39 Studierende des Modellstudiengangs Humanmedizin der RWTH Aachen (überwiegend im 6. Semester) den Moodle-Lernraum und gaben im Anschluss anonymes Feedback. Die Teilnahme war freiwillig und wurde nicht vergütet. Abgefragt wurden unter anderem der Wissenszuwachs, die Bewertung von Inhalt und Design des Tools und die Relevanz von UK in der Medizinlehre [3].

Ergebnisse

Webseiten (105/131, 80,2%) und Onlinekurse (21/131, 16%) machten den größten Anteil der Formate aus [2]. Apps (3/131, 2,3%) und Podcasts (2/131, 1,5%) waren selten. Die Tools ließen sich in Grundlagentools (57/131, 43,5%) und Fortgeschrittenentools (74/131, 56,5%) einteilen. Bezüglich des Inhalts beschäftigten sich die meisten Tools mit den verschiedenen Formen der UK, gefolgt von therapeutischen und diagnostischen Lerninhalten. Der Lernstil war überwiegend visuell im Sinne eines geschriebenen Textes, Fotos oder Diagrammen. Audio-visueller oder rein auditiver Input waren selten. Die meisten Tools konnten passiv konsumiert werden (119/131, 90,8%) und nur wenige Tools zeigten einen performativen Lerncharakter (12/131, 9,2%). Eine Wissensabfrage gab es unter den deutschsprachigen Onlinekursen nicht [2]. Das AACHEN-Tool wurde sehr gut bewertet mit der Durchschnittsnote 1,3 für den Inhalt und 1,2 für das Design [3]. Die meisten Studierenden berichteten von positiven Effekten der Wissensabfrage auf das Lernen: 69,2% (27/39) gaben an, dass sie sich das Lernvideo aufmerksamer ansahen und 53,9% (21/39) bestätigten, dass sie sich den Inhalt besser gemerkt haben. Fast alle Studierenden deklarierten einen Wissenszuwachs durch das AACHEN-Tool (38/39, 97,4%). UK wurde als relevantes Thema für Mediziner*innen wahrgenommen (38/39, 97,4%) und die meisten Studierenden wünschten sich das Tool als festen Bestandteil in ihrem Studiengang (29/39, 74,4%) [3].

Schlussfolgerung

UK ist ein relevantes Thema in der Phoniatrie. Dennoch ist UK unterrepräsentiert in der Medizinlehre. Bereits vorhandene E-Learning-Tools weisen Lücken auf [2]. Mit einem eigens entwickelten E-Learning-Tool kann nun ein sehr positiv bewertetes Lehrinstrument angeboten werden, das als fester Bestandteil in die Medizinlehre aufgenommen werden kann [3]. Wir möchten unser Tool anhand von Feedbacks weiter verbessern, um es dann universitätsübergreifend zur Verfügung zu stellen. Auch planen wir den Ausbau bzw. die Einbindung des Tools in ein Qualifikationsprofil UK. Hierbei möchten wir besonders die Meinungen von UK-Nutzer*innen berücksichtigen und diese auch in Präsenzveranstaltungen einbinden [3].


Literatur

[1] Uthoff SAK, Zinkevich A, Boenisch J, Sachse SK, Bernasconi T, Ansmann L. Process evaluation of a complex intervention in augmentative and alternative communication care in Germany: a mixed methods study. BMC Health Serv Res. 2025;25(1):373. DOI: 10.1186/s12913-025-12452-y
[2] Büchs J, Neuschaefer-Rube C. e-Learning in phoniatrics and speech-language pathology: exploratory analysis of free access tools in augmentative and alternative communication. JMIR Med Educ. 2025;11:e63392-e63392. DOI: 10.2196/63392
[3] Büchs J, Neuschaefer-Rube C. "AACHEN" e-learning tool in augmentative and alternative communication for medical students in Germany: cross-sectional evaluation study. JMIR Med Educ. 2026;12:e88173-e88173. DOI: 10.2196/88173