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42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
16.-19.09.2026
Starnberg

Vortrag

Aktualisierte Prävalenz von Stimmstörungen bei Patienten mit Cystinose

J. Marscheider - Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, TUM Klinikum, Phoniatrie, München, Deutschland
S. Graf - Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen (HSS), Innsbruck, Österreich
A. A. Chostelidou - Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, TUM Klinikum, Phoniatrie, München, Deutschland
S. Regele - Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, TUM Klinikum, Phoniatrie, München, Deutschland
K. Hohenfellner - RoMed Klinikum Rosenheim, Rosenheim, Deutschland

Zusammenfassung

Hintergrund: Cystinose ist eine seltene autosomal rezessive Lysosomen-Speichererkrankung mit heterogenem Verlauf. Häufig tritt eine progrediente Myopathie der distalen, später axialen sowie Kopf Hals und Atemmuskulatur auf, wodurch Dysphagie und pulmonale Einschränkungen begünstigt werden. Da dieselbe Muskulatur für die Phonation essenziell ist, sind Stimmstörungen plausibel. Die Prävalenz von Dysphonie bei Erwachsenen mit Cystinose ist kaum erforscht.

Material und Methode: In einer explorativen, quantitativen Querschnittsstudie wurden 36 deutschsprachige Erwachsene mit Cystinose (16 Frauen, 20 Männer; 18–48 Jahre) untersucht. Die multidimensionale Stimmdiagnostik folgte dem ELS Protokoll.

Ergebnisse: Stimmauffälligkeiten waren häufig und multidimensional. Abweichungen von Normwerten zeigten sich aerodynamisch in 94,4% (34/36), akustisch in 86,1% (31/36) und perzeptiv in 91,7% (33/36). 27,8% (10/36) berichteten eine relevante Einschränkung der stimmbezogenen Lebensqualität (VHI 12). Alle wiesen Auffälligkeiten in ≥2 der 4 Kriterien auf; 52,8% in drei und 22,2% in allen vier. Aerodynamik war am stärksten betroffen: Der Phonationsquotient erhöht in 91,2% (31/34), MPT reduziert in 77,8% (28/36), VC Quotient <90% in 73,5% (25/34), vereinbar mit leichter bis schwerer ventilatorischer Restriktion. Akustisch überschritt Shimmer in 83,3% (30/36) die Norm, Jitter war in 27,8% (10/36) erhöht. Perzeptiv lag eine Heiserkeit (GRBAS G≥1) in 91,7% (33/36) vor; schwere Dysphonie (G=3) trat nicht auf. Die Diskrepanz zwischen objektiven/perzeptiven Befunden und VHI 12 legt eine gute Anpassung im Alltag nahe, bei einem klinisch relevanten Subkollektiv mit spürbarer Beeinträchtigung.

Schlussfolgerung: Dysphonie ist bei erwachsenen Patientinnen und Patienten mit Cystinose hochprävalent. Das Muster mit Schwerpunkt aerodynamischer Defizite, begleitet von akustischen und perzeptiven Auffälligkeiten, spricht für eine beeinträchtigte respiratorisch laryngeale Koordination im Rahmen myopathischer Beteiligung. Eine systematische Stimmdiagnostik sollte in die Regelversorgung von Cystinose integriert werden, um Betroffene früh zu identifizieren, zu beraten und gezielt zu behandeln.

Text

Hintergrund

Cystinose ist eine seltene, autosomal rezessive lysosomale Speichererkrankung mit heterogenem Verlauf [1], [2]. Häufig tritt eine progrediente Myopathie der distalen, später axialen sowie Kopf-, Hals- und Atemmuskulatur auf, wodurch Dysphagie und pulmonale Einschränkungen begünstigt werden [2], [3]. Da dieselbe Muskulatur für die Phonation essenziell ist, sind Stimmstörungen plausibel [4]. Die Prävalenz von Dysphonie bei Erwachsenen mit Cystinose ist bislang kaum untersucht [5].

Methoden

In einer explorativen, quantitativen Querschnittsstudie wurden 36 deutschsprachige Erwachsene mit Cystinose (16 Frauen, 20 Männer; 18–48 Jahre) untersucht. Die multidimensionale Stimmdiagnostik folgte dem ELS-Basisprotokoll [4], [6] und umfasste

  1. aerodynamische Maße: maximale Phonationsdauer (MPT), Vitalkapazität (VC; als VC-Quotient relativ zum Soll) und Phonationsquotient (PQ), berechnet als PQ=; Norm <0,2 L/s. [4]
  2. Akustik: Jitter (Frequenz) und Shimmer (Amplitude).
  3. Perzeption: GRBAS (G, R, B, A, S).
  4. Subjektives Outcome (Patient reported outcome): Voice Handicap Index 12 (VHI-12). Die Messwerte wurden mit den entsprechenden Normwerten verglichen, um Abweichungen und Pathologien zu ermitteln.

Ergebnisse

Pathologische Stimmauffälligkeiten waren häufig und multidimensional. Abweichungen von Normwerten zeigten sich aerodynamisch in 94,4% (34/36), akustisch in 86,1% (31/36) und perzeptiv in 91,7% (33/36); 27,8% (10/36) berichteten eine relevante Einschränkung der stimmbezogenen Lebensqualität (VHI 12) (Abbildung 1 [Abb. 1]).

Abbildung 1: Abweichungen von den jeweiligen Normwerten in Kategorien der Stimmdiagnostik (ELS-Basisprotokoll)

Alle 36 Patienten wiesen Auffälligkeiten in ≥2 der 4 Kategorien auf; 52,8% in drei und 22,2% in allen vier. Aerodynamik war am stärksten betroffen: PQ erhöht in 91,2% (31/34), MPT reduziert in 77,8% (28/36), VC Quotient <90% in 73,5% (25/34). Akustisch überschritt Shimmer in 83,3% (30/36) die Norm, Jitter war in 27,8% (10/36) erhöht. Perzeptiv lag eine Heiserkeit (GRBAS G≥1) in 91,7% (33/36) vor (Abbildung 2 [Abb. 2]), mit dominanter Rauigkeit; schwere Dysphonie (G=3) trat nicht auf.

Abbildung 2: Abweichungen von den jeweiligen Normwerten in Parametern der Stimmdiagnostik (ELS-Basisprotokoll)

Die Diskrepanz zwischen objektiven, perzeptiven und subjektiven Befunden legt eine gute Anpassung im Alltag nahe, bei einem klinisch relevanten Subkollektiv mit messbarer Beeinträchtigung.

Schlussfolgerungen

Dysphonie ist bei erwachsenen Patientinnen und Patienten mit Cystinose hochprävalent. Das Muster mit Schwerpunkt aerodynamischer Defizite, unterstützt durch akustische und perzeptive Auffälligkeiten, spricht für eine beeinträchtigte respiratorisch-laryngeale Koordination im Rahmen myopathischer Beteiligung. Trotz nur etwa 28% subjektiver Einschränkung sollte eine systematische Stimmdiagnostik in die Regelversorgung integriert werden, um Betroffene früh zu identifizieren, zu beraten und gezielt zu behandeln [7].


Literatur

[1] Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie. S3-Leitlinie Cystinose. Registernummer 166-006. Kurzversion. AWMF; 2025. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/166-006
[2] Nesterova G, Gahl WA. Cystinosis: the evolution of a treatable disease. Pediatr Nephrol. 2013 Jan;28(1):51-9. DOI: 10.1007/s00467-012-2242-5
[3] Amgen Inc. Understanding cystinosis: Cystinosis Prognosis and Treatment Adherence. 2025. Available from: https://www.understandingcystinosis.com/cystinosis-treatment-approaches
[4] Brockmann-Bauser M, Bohlender JE. Praktische Stimmdiagnostik: Theoretischer und praktischer Leitfaden. Stuttgart, New York:Thieme; 2014.
[5] Chostelidou AA, Marscheider J, Jeleff-Woelfler O, Knerr C, Graf S, Hohenfellner K. Prävalenz und Charakterisierung von Stimmstörungen bei Cystinose. 39. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Köln, 28.09.-01.10.2023. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2023. DocV13. DOI: 10.3205/23dgpp21
[6] Friedrich G, Dejonckere PH. Das Stimmdiagnostik-Protokoll der European Laryngological Society (ELS) -- erste Erfahrungen im Rahmen einer Multizenterstudie [The voice evaluation protocol of the European Laryngological Society (ELS) -- first results of a multicenter study]. Laryngorhinootologie. 2005 Oct;84(10):744-52. DOI: 10.1055/s-2005-861450
[7] Hohenfellner K, Wühl E, Haffner D; Cystinosis Guideline Group; Koch V, Bishop R, Alhasan K, Awan A, Bacchetta J, Pozza SB, Biswas S, Bos M, Bürger F, Choi M, Elenberg E, Erler J, Froschauer S, Grimm PC, Hebestreit H, Herzig N, Inhestern L, Köppl C, Levtchenko E, Lipkin G, Muth T, Pape L, Priglinger C, Quitmann J, Reuner G, Rohayem J, Schilling B, Servais A, Soliman NA, Sollacher A, Sproedt C, Topaloglu R, Tönshoff B, Trauner D, Witt S, Goodyer P, Thoene J, Emma F. Clinical practice recommendations for the diagnosis and management of nephropathic cystinosis. Nat Rev Nephrol. 2026 Jun 15. DOI: 10.1038/s41581-026-01089-7